Als iCal-Datei herunterladen
Monatsversammlung: 30 Jahre Theatergruppe Rattenfänger Muttenz

30 Jahre Theatergruppe Rattenfänger Muttenz

ein Gespräch mit Danny Wehrmüller, Regisseur und Christian Vontobel, Schauspieler

Seit dreissig Jahren bringt diese Theatergruppe jedes Jahr ein Stück aus der Weltliteratur auf ihre jeweilige Freilichtbühne in Muttenz, welche jedes Jahr an einem andern Ort der Gemeinde aufgebaut wird. Die Rattenfänger glänzen immer wieder mit hervorragenden, spannenden und überraschenden Inszenierungen. Deshalb kommt ihr Publikum auch aus der gesamten Region Basel an ihre Aufführungen.

In einem rund einstündigen Gespräch können wir mit Danny Wehrmüller und Christian Vontobel hinter die Kulissen dieser Theatergruppe schauen und dabei sicher viel Interessantes und auch Lustiges von den beiden erfahren.

Am Schluss können noch Fragen aus dem Publikum an unsere Gäste gestellt werden.

Moderation: Max Gautschi

Im Anschluss an die Veranstaltung sind alle zu Kaffee und Kuchen eingeladen.

 

Ort Quartierzentrum Bachletten, Bachlettenstrasse 12, Basel

Das Neuste

Theater aus Leidenschaft (und als «Selbstverteidigung»)

Monatsveranstaltung vom 2. Dezember 2019

30 Jahre und kein bisschen leise: Danny Wehrmüller und seine Muttenzer Rattenfänger gehören unzweifelhaft zu den profiliertesten Laientheatern der Schweiz. An unserer Monatsveranstaltung vom 2.Dezember, der letzten im alten Jahr und traditionell einem Kulturthema gewidmet, gaben er und einer seiner Schauspieler spannende Einblicke in die Entstehung der Gruppe, ihre Art des Vorgehens und ihr spezifisches Theaterverständnis.

Dieses Jahr, da Regisseur Danny Wehrmüller seinen 60. und die Rattenfänger ihr 30. feiern, wagten sie sich an einen besonders grossen Brocken: Goethes Faust. Denn die Muttenzer Truppe ist, wie Moderator und GL-Mitglied Max Gautschi es ausdrückte, zwar nach wie vor ein Laientheater, aber auf professionellem Niveau. Und so bescheinigten die Medien den Rattenfängern auch diesmal, dass sie die Herausforderung mit Bravour meisterten. Am Gelingen beteiligt war auch Christian Vontobel, sowohl aktives Mitglied der Grauen Panther als auch aktives Mitglied der Rattenfänger und im «Faust» mit 74 Lenzen der älteste Schauspieler. Den Regisseur Danny Wehrmüller lobt er als den grossen Chef, als sehr teamorientierten und  inspirierenden Leiter.

Wie alles anfing
Wehrmüllers Theaterwurzeln liegen im Kasperlispielen seiner Mutter, erzählt er; er hatte aber am Anfang richtig Angst vor den Figuren! Bald fing er selber mit Kasperlen ab, für Nachbarskinder. Später bekam er die Chance, in Radio-Hörspielen Kinderrollen zu sprechen, und so ging es Schritt um Schritt weiter. Danny versuchte Theater zu spielen wo es nur ging, im Holbein-Schulhaus, im Neuen Theater Basel. Sein Vater hinderte ihn allerdings daran, Schauspieler zu werden, und so wurde er gerne Primarlehrer. Christian stand erstmals als Chorsänger auf der Bühne, später trat er in Augusta Raurica auf, die Rattenfänger kamen erst viel später, von Beruf war er Informatiker.

Wie die Rattenfänger entstanden
Die JMS Muttenz führte anno dazumal zu ihrem 25. ein Jugend-Musical auf, bewusst aufgegleist als generationenübergreifendes Projekt. Danny inszenierte. Das hinterliess Spuren. Später fand  Danny  mit der  kühnen Idee, Zuckmayers Rattenfänger auf dem Wartenberg oben zu spielen, bei Gleichgesinnten - nach etlicher Skepsis - Anklang. Einem entsprechenden Aufruf zum Mitmachen folgten etwa 300 Leute!  80 waren schliesslich dabei, das Projekt lief sehr gut und erregte Aufsehen, sogar im TV. Aber eine Theatergruppe gab es noch nicht. Erst nach dem dritten Stück wurde eine formelle Vereinigung gegründet, weil die Gemeinde, die die Laien grosszügig unterstützt hatte, einen klaren Partner wünschte.  So entstanden die Rattenfänger, benannt eben nach ihrem ersten Theater-Erfolg.

Professioneller geworden
Wir sind immer noch ein Amateurtheater, das damals um jeden Interessierten froh war, betont Danny. Nach 9 Jahren hingegen mussten alle Interessenten eine Art Casting durchlaufen mit dem Regisseur, der auf diese Art die künstlerische Qualität der Truppe merklich steigern konnte. Alles verläuft auf gutem Hochdeutsch. Doch jeder Schauspieler muss sich auch hinter den Kulissen in irgendeiner Form engagieren: Diese Regel soll verhindern, dass es am Ende wenige «Stars» gibt, die den Applaus entgegennehmen, und  daneben viele Sklaven. Keine Zweiklassengesellschaft:  «Das halten wir eisern durch», sagt Danny.

Wie entsteht eine neue Produktion?
Das Vorgehen ist bei den Rattenfängern nicht immer gleich. Das Ensemble sucht ein geeignetes Stück im Kreise einer einer Lesegruppe. Oder das Ensemble fordert Danny auf, etwas Gutes vorzuschlagen, das war für die neueste Produktion der Fall. Im Moment sucht Danny ein Stück, das, auf Wunsch, auch Musik enthält und nicht zuletzt den Interessierten selber auch eine Rolle bietet.  Christian lobt dieses Vorgehen sehr. Danny könne auch Texte umschreiben und zum Beispiel mehr Rollen schaffen für Interessierte. Es bestehe grosser Variantenreichtum in der Stück- und Textwahl.

Natürlich gibt es auch kritische Momente. Danny erzählt: Ibsens «Volksfeind» habe man nach Muttenz transferiert und auf der berühmt-berüchtigten Deponie Spielerlaubnis erhalten. Dann erklärte Novartis als Eigentümerin plötzlich, man sei am Verkaufen des Areals und dürfe leider keine Zwischennutzung mehr bewilligen. Im letzten Moment konnte man beim Gymnasium die Lösung finden. Das löste viel Hektik aus, aber es gelang. Problematisch werde es auch, wenn jemand eine grössere Rolle zurückgeben muss oder krank wird. So sprang Danny einmal als «Eingebildeter Kranker» nach 24ständigem Intensiv-Rollenstudium im letzten Moment ein, erzählt Christian.

Budget und Finanzierung
Der diesjährige Faust kostete laut Wehrmüller 100000 Franken. Ausser dem Regisseur wird aber niemand entlöhnt. Zum Beispiel kostete allein die Zuschauertribüne etwa 20000, der Strombezug 7-9000 Franken, eine professionell gebaute und von der Suva abgenommene Bühne auch 20000. Aber man leiste natürlich sehr viel selber mit Handanlegen. Jedesmal stellen die Rattenfänger draussen ein komplettes Theaterdorf auf, statt im Saal zu spielen, «das gehört so zu uns». Jedes Mal wird an einem anderen Ort im Dorf gespielt, abgestimmt auf Charakter und Inhalt des Stücks; «Muttenz er-spielen» nennen die Rattenfänger das.

Was kann, was soll Theaterkunst?
Danny: Der Reiz des Theaters besteht darin, dass es jedesmal mal live ist, also ein absolut unmittelbares Ereignis. Von der Funktion her sei ernstzunehmendes Theater politisch: Menschen kommen zusammen und beschäftigen sich mit Sachen, die nicht immer nur angenehm sind.
Christian ergänzt: Politisch war letztes Jahr die Botschaft zum Muttenzer Deponieproblem, das  mit Ibsens «Volksfeind» geäussert wurde. Es kam an und war ein Erfolg. Danny habe  einmal geäussert, er mache Theater, um all die heutigen Zustände besser auszuhalten: «Das war deutlich und ehrlich».  Eine Art Selbstverteidigung, sagt Danny selber.

Wieso grenzt ihr euch ab zu anderen Dorftheatern mit ihrer Vorliebe zu Schwank und Komödien, wollte Max Gautschi weiter wissen.  Zum einen ist es seine Wahl, literarisch anspruchsvollere Texte reizen ihn, erklärt der Chef. Anfänglich hoffte er, damit Leute ins Theater zu bringen, die sonst nicht ins Theater gehen. Das hat zu seinem grossen Bedauern nicht funktioniert. «Vielmehr erreichen wir dieselben Leute,  die auch ins Theater Basel gehen». Das sei zwar ehrenvoll, aber schade, dass so viele Menschen sich offenbar einen Dürrenmatt oder Brecht nicht zutrauen können oder wollen. Dabei versuche er immer, «unterhaltsam» zu inszenieren, selbst Tragödien.

Wie lange noch?
Danny: «So lange ich mag und das Bedürfnis habe, mache ich weiter». Er sei sehr zuversichtlich, dass es auch nach ihm weitergeht, auch wenn es noch keinen Nachfolger gibt. Aber er kenne viele talentierte junge Regisseure oder Regisseurinnen, die das könnten. Fast schwieriger werde es,  stets genug neue Leute für die nicht immer dankbaren Chargen hinter den Kulissen zu begeistern.
Für Christian stellt sich die Frage nach dem «wie lange noch?» durchaus.  Er selber war neunmal hintereinander dabei, er wollte beim Jubiläum dabeisein, nächstes Jahr wäre es das zehnte Mal….

«Ad multos annos», auf viele Jahre, lautet ein antiker Glückwunsch. 

 

 Foto Martin Matter