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Monatsversammlung: Spitalfusion BS-BL

Spitalfusion BS-BL

Ort QUBA, Bachlettenstrasse 12, 4054 Basel

Das Neuste

Monatsversammlung vom 6. Mai 2019: Hirn-Fitness ist lernbar

Wie halten wir mit zunehmendem Alter unser Hirn fit und aktiv? Das Thema unserer Mai-Veranstaltung aktivierte überdurchschnittlich viele Mitglieder und Interessierte: Gegen 130 Personen fanden den Weg in den weitläufigen Neubau des Felix Platter Spitals zum Refererat von Prof.Reto W.Kressig, ärztlicher Direktor Universitäre Altersmedizin im FPS. Kressig bot ungemein viel Information über unsere Hirnfunktionen, dazu viele Anregungen und Tips, ebenso ernsthaft wie humorvoll.

Kopflos geht es nicht
In den USA lebte einmal ein geköpfter Hahn volle 18 Monate lang weiter. Bei uns Menschen, begann Kressig, geht das nicht. Denn unser Kopf bzw. unser Hirn hat sehr viel zu tun mit unseren Bewegungen. Frappantes erstes Beispiel dazu: Ein Proband ist in der Röhre und muss gleichzeitig eine einfache Fingerbewegung ausführen. Danach trägt man ihm auf, sich genau dieselbe Fingerbewegung bloss vorzustellen. Die Bilder der Hirnaktivitäten in beiden Fällen sind vergleichsweise ähnlich!  D.h. die Imagination wirkt stark. Sportler nützen das aus, indem sie sich auf diese Weise mental auf den Wettkampf vorbereiten, mit Erfolg. Jede unserer Bewegungen ist abhängig von vielen Organsystemen (Gehör, Muskeln, Auge, Gleichgewicht, Gespür, etc). Das muss alles gesteuert werden, vom Hirn, das ist die motorische Kontrolle. Kressig: «Diese Tatsache hat die Wissenschaft sehr lange vernachlässigt».

Wie diese Erkenntnis etwa in der Diagnostik helfen kann, zeigt das Beispiel des sog.Walk and Talk Test:  Patienten wird beim Gehen auf dem Teppich eine relativ einfache Frage gestellt. Die einen antworten beim Gehen, die anderen bleiben zum Antworten stehen. Es zeigte sich, dass Letztere  zu 80% einen Sturz erlitten in den Monaten darauf, die Gehenden nicht! Was klar zeigt: Die Kopfleistung hat direkten Einfluss auf unsere Bewegungen.
Oder: Eine Patientin stürzt ständig. Die Untersuchung ihrer Hirnfitness zeigte wahrscheinlich ein Vorstadium von Demenz. Dieses Experiment wurde in Basel an rund 1100 Personen gemacht und weist nach, dass Gangveränderungen das erste Anzeichen einer beginnenden Demenz sein können. Kressig: «Stürze sind keine Bagatellen!»

Mobilität testen
Wie gut ist meine Mobilität? Ein einfacher Test kann gute Hinweise geben: Man nehme einen Stuhl mit Lehne und stelle ca 3m davon entfernt irgendein Ziel auf, z.B.eine Flasche. Die Aufgabe: Auf „Los“ normal aufstehen, um das Ziel herumlaufen und wieder absitzen; die Gesamtzeit bis zum Absitzen wird gestoppt. Unter 20 Sek ist die Mobilität gut, darüber schon weniger. Der Test sagt uns rasch sehr viel. Vor allem wenn er erweitert wird durch uns, wenn wir dasselbe nur in der Vorstellung tun. Resultat: Je schlechter die Schätzung mit der Realität übereinstimmt, desto höher ist das Sturzrisiko!

Exklusives Frontalhirn
Das Hirn unterscheidet uns von den Tieren: Das Frontalhirn (Exekutivfunktion) haben NUR Menschen. Die vorzeitlich beginnende Fleischernährung und die entsprechenden Umstände haben die Entwicklung des Frontalhirns gefördert. Dort findet zentral Wichtiges statt: Abstraktes Denken, komplexes Denken, Gefühle, Planungen etc. Jede Aktivierung im Frontalhirn ist wichtig. Ist Krimilesen gut fürs Hirn? Das Wesentliche beim Lesen ist nicht der Krimi, betont Kressig, sondern ob wir mental mitschwingen beim Lesen und unsere Imagination angeregt wird. Damit ist auch klar, warum es besser ist, das Buch zu lesen als den entsprechenden Film zu gucken.

Für Hirnfitness gibt es unzählige kommerzielle computerisierte Lernprogramme. Untersuchungen zeigen aber, dass die Effekte beschränkt sind. Beispiel: Kreuzworträtsel  lösen macht eine bestimmte Hirnaktivität besser, die anderen aber nicht, d.h. der Effekt auf die gesamte Hirnleistung ist gering.

Der richtige Lifestyle
Im Laufe des Alterungsprozesses überwiegen die Abbaumechanismen immer etwas über den Reparaturmechanismen. Es beginnt zuerst im Hirn. Aber wir haben sehr viele überzählige Hirnzellen – sofern man sie nicht durch Alkohol, Drogen etc. kaputtmacht. Wichtig sind  die Energiezufuhr, die Ernährung, überhaupt der Lebensstil. Neue Studien zeigen, sagt Kressig, dass Änderungen im Lebensstil die kognitive Fähigkeit, die Hirnleistung, nicht nur erhalten, sondern sogar verbessern können, nämlich vorab  mit ausgewogener Ernährung, körperlicher Aktivität, kognitivem Training, Dialog und Austausch mit anderen Menschen etc. So ein Lebensstil ist natürlich auch eine gute Demenzprävention und kann eine beginnende Demenz hinausschieben.

Kressig schnitt ein in diesem Zusammenhang ein endloses Thema an: richtige Ernährung ist auch für die Hirngesundheit wichtig. Schlecht sind: Rotes Fleisch, Butter/Margarine. Käse, Süssigkeiten, frittierte oder industrielle Gerichte. Proteinkonsum erhöhen ist wichtig: Nüsse, Milchprodukte, Gemüse, Beeren, Bohnen, Körner, Fisch, Geflügel, Olivenöl, ein Glas (Rot)Wein. Leider zeigen Studien, dass Geld auch beim Lifestyle dominiert: Gutverdienende sind besser dran als niedere Einkommen bei gesundem Leben. Denn Stress wegen Geldsorgen wirkt negativ auf die Hirnleistung.

Musik ist gesund!
Besonders betonte Kressig die Rolle der Musik bei der Hirnleistung: Nur schon bewusstes Musikhören hat stimulierende Wirkung im Frontalhirn. Selber ein Instrument spielen noch mehr: «Wer z.B. 10 Jahre lang musiziert hat, besitzt im Alter einen klaren Vorteil». Musizieren verlangsamt den Alterungsprozess. Wenn Kinder vier Jahre musiziert haben, bringt das im Alter einen Vorteil. Aber egal wann man anfängt: Es ist nie zu spät. Untersuchungen zeigen: Bei Klavierstunden während 6 Monaten steigt die Hirnleistung steil an im Vergleich zu vorher!  Eine grossangelegte US-Studie zeigte darüber hinaus, wie Freizeitaktivitäten mit  beginnender Demenz korrelieren: Musikinstrument spielen, Tanzen, Singen, Brettspiele, Puzzles, Lesen sind günstig. Oder: Die Dalcroze-Rhythmik verbindet Musik mit Koordination:  An sich für Kinder konzipiert, funktioniert sie auch mit Senioren. Nicht nur die Dual-Task-Fähigkeiten steigen, sondern das Sturzrisiko sinkt massiv. Kressig war wesentlich beteiligt daran, dass diese Methode heute im Cafe bâlance und an anderen Orten in beiden Basel angeboten wird.

Aktivierung gestrichen
In der kurzen Diskussion kamen noch etliche Detailfragen auf. Man hätte Prof.Kressig gerne noch lange weiter zugehört. Zum Abschluss schnitten wir aber ein Thema an, das in der GP-Geschäftsleitung zu reden gegeben hat: Das Felix Platter Spital hat zum Zeitpunkt der Neueröffnung im Februar seine Aktivierungstherapie gestrichen und sechs Therapeutinnen entlassen. Das stösst auf grosses Befremden.
Kressig entgegnete zunächst,  man bedaure die Entlassung von sechs Leuten sehr und biete ihnen Hilfe an bei der Jobsuche. Den Entscheid an sich begründete er ökonomisch, d.h. mit dem Spardruck. Die Aktivierungstherapie in den Spitälern werde nämlich seit Jahren nicht mehr bezahlt von den Versicherungen. «Wir haben sie trotzdem weitergeführt.» Aber angesichts der hohen Investitionen für den Neubau, die das Spital gemäss dem neuen Spitalrecht selber stemmen muss,  habe man eben dort Abstriche machen müssen, wo Leistungen nicht bezahlt werden. «Aber die Aktivierung ist uns nicht egal». Das FPS mache viel: Kunsttherapie, Aromatherapie, auch das werde übrigens nicht entgolten. «Es gibt halt auch unangenehme Entscheide, aber wir haben es uns nicht einfach gemacht». Nicht zuletzt wies Kressig auf die überall grassierende «Dokumentitis» hin, den ständig wachsenden Papierkrieg vorab gegenüber den Versicherern. Hier wäre er froh, die Politik würde aktiv werden.

Martin Matter

PS. Der Versprecher der Woche: In seinen Begrüssungsworten erntete der CEO des FPS, Jürg Nyfeler, einen grossen Heiterkeitserfolg: Er sprach die Versammlung als «Graue Panzer» an. Honi soit qui mal y pense.