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Monatsversammlung: Lesung Schreibwerkstatt

Lesung Schreibwerkstatt mit musikalischen Einlagen der Flötistin Eva Frei mit ihrem Quartett

Ort QUBA, Bachlettenstrasse 12, 4054 Basel

Das Neuste

Betreuung im Alter gesetzlich verankern

Monatsversammlung vom 3. Juni 2019

Für ein Altern in Würde für alle fehlt es in der Schweiz trotz vieler guter Aktivitäten neben Finanzen auch an der Systematik: es mangelt an  gesetzlicher Regelung der Betreuung, an Ressourcen, Management, Qualitätsstandards, gesellschaftlicher Anerkennung. Carlo Knöpfel, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Co-Autor der Studie «Gute Betreuung im Alter – Perspektiven für die Schweiz» zeigte mögliche bzw. notwendige Wege auf und leitete Forderungen an die Politik ab.

Viele seiner Äusserungen habe man da und dort schon gehört oder vielleicht selber gedacht – aber wie das alles zusammenhängt, das hat uns Carlo Knöpfel eindrücklich vorgeführt: So fasste Moderatorin Barbara Fischer die Ausführungen des Referenten zusammen. In der Tat: Er bot uns haufenweise Stoff zum Nach- und Weiterdenken.

Carlo Knöpfel, 60, gehört gerade noch zu den sogenannten Babyboomern. Die hätten uns ein zweifaches Problem beschert, begann er: Zum einen «sind wir ziemlich viele», und auch wir werden älter und pflegebedürftiger. Zweitens haben die Babyboomer weniger Kinder als früher.

Betreuung ist eine Haltung
Wir brauchen ein neues, nämlich ein umfassendes, integratives Betreuungsverständnis, und die wachsende soziale Ungleichheit der alten Menschen ist immer mitzudenken: Dies die Hauptforderung Knöpfels. Das bedingt auch einen neuen Ansatz: Während bestehende Institutionen die Betreuung analog zur Pflege gleichsam mit abschliessenden To-do-Listen abfertigen wollen, plädiert Knöpfel für einen offenen Zugang. Was heisst das? Betreuung ist die Unterstützungsform,  wenn Ältere ihren Lebensalltag nicht mehr selber bewältigen können. Betreuung ist sorgende Beziehung, fürsorgliches Handeln, das sich  an den Bedürfnissen, Wünschen und der Lebenssituation der zu Betreuenden orientiert und nicht nach «Listen» vorgeht.  Das heisst auch: sich Zeit nehmen und sich auf Unvorhergesehenes einlassen. «Betreuung ist eine Haltung», sagt Knöpfel.

Es fehlt an vielem
Wie sieht die Situation derzeit in der Schweiz aus? Es fehlt an vielem: Die Betreuung ist rechtlich nicht geregelt, kennt kaum Qualitätsstandards, Management und Strukturen, ist gesellschaftlich kaum anerkannt – und muss ohne Arztzeugnis weitgehend selber bezahlt werden, da die Ergänzungsleistungen nur einen Teil der Kosten abdecken. Betreuung geschieht nach wie vor am häufigsten durch Angehörige, sehr oft durch die Ehefrau, generell sehr viel häufiger durch Frauen als durch Männer. Da die öffentliche Spitex sich nach der KVG-Revision aus der Betreuung zurückzog, öffnete sich der Markt für die wachsende Seniorenwirtschaft («das ist keine Beiz für Ältere») durch private Anbieter. Damit gewinnen auch Freiwilligen- und Nachbarschaftshilfe an Bedeutung.

Immer mehr werden immer älter
Eindrücklich legte Knöpfel den demografischen Wandel dar. Er ist geprägt durch

  • die doppelte Alterung (immer mehr Menschen werden immer älter)
  • die deutliche Zunahme der Hochbetagten. In dieser Phase wird man sukzessive hilfsbedürftig. 
  • Der Eintritt ins Pflegeheim verschiebt sich laufend nach hinten, gleichzeitig wird der Aufenthalt im Heim kürzer. Trotzdem leben immer noch mehr als die Hälfte der über 90jährigen zu Hause.


Wachsende Ungleichheit
Dazu kommen der soziale und der wirtschaftliche Wandel:

Die soziale Ungleichheit im Alter wächst. Heute liegen die bescheidensten und die wohlhabendsten Paarhaushalte in der Schweiz bei ihrem Haushalteinkommen um einen Faktor 4 auseinander. Frauen arbeiten heute häufiger und länger. Die Wirtschaft braucht das. Aber, so mahnte Knöpfel: Viele Frauen reduzieren ihre Arbeit, um zu pflegen. «Unsere Gesellschaft konsumiert das einfach. Ich glaube nicht, dass das auf die Dauer durchzuhalten sein wird».  Technische Innovationen prägen auch die Betreuung. Auch hier ein mahnender Einwand Knöpfels:  Ersatz durch Technik führe nicht zu qualifizierter Verbesserung der Betreuung, wie man uns weismachen will, «sondern zu Personalabbau.»

Nachdenkliches äusserte er auch zur vielzitierten Formel «ambulant vor stationär»: Wenn wir nicht aufpassen, mahnt er, wird das Ambulante «zur neuen Pflicht daheim zu bleiben». Demgegenüber soll gute Betreuung sicherstellen, dass wir so lange zu Hause bleiben können, wie wir es wünschen.

Alterspolitische Forderungen

Knöpfel stellt folgende Themen für die Politik in den Vordergrund:

  • Betreuung wie die Pflege als Anrecht gesetzlich verankern
  • Betreuung als Beziehungsarbeit verstehen
  • gute Betreuung als Präventionsleistung fördern
  • Betreuung für alle bezahlbar machen
  • Betreuung ist als Teil der Grundversorgung im Sozialwesen zu betrachten
  • Betreuung braucht Strukturen, Management, Ressourcen, Qualitätsstandards

Wer soll das bezahlen?
In der Diskussion wurde auch die Frage der Finanzierbarkeit angeschnitten:  Steuergelder oder Pflegeversicherung? Knöpfel denkt darüber nach, dass man die etwa Krankenversicherung oder die EL ausdehnen  oder der Hilflosenentschädigung bei der AHV sinnvoll umgestalten könnte. Es gebe noch keinen Vorschlag, der nur win-win bringt, das müsse noch gefunden werden, wie immer werde es ein Kompromiss sein. Wie eine gute Betreuung im Alter zu finanzieren ist, daran arbeitet Knöpfel in seiner neuen Studie

Dass Knöpfel als anerkannter Experte nicht einbezogen wurde in die Erarbeitung der neuen Leitlinien «Basel 55+», kritisierte Co-Präsident Remo Gysin unter Applaus. In der Vernehmlassungsvorlage komme die Betreuung praktisch nicht vor,  alles Psychosoziale fehle vollständig. «Die Grauen Panther haben allen Grund, das aufzunehmen.» Das ist in der Vernehmlassungsantwort auch geschehen.

Martin Matter

Website: gutaltern.ch. Hier kann auch Knöpfels Studie, vorgelegt im Auftrag der Paul Schiller Stiftung, bestellt werden.