Möglichst lange zu Hause bleiben können und den Eintritt ins Heim, wenn überhaupt, möglichst lange hinausschieben: Das wünscht sich ohne Zweifel die grosse Mehrheit der älteren Menschen. Nun gibt es viele Dienste, die dabei helfen, von Spitex über Mahlzeitendienst bis Ergotherapie. Aber all diese Dienste sind, zumindest Baselbiet, nicht miteinander vernetzt, und das Gärtchendenken blüht. Die "Kunden" kennen das Lied: Wer eine bestimmte Dienstleistung benötigt, muss sich oft von Pontius bis Pilatus durchfragen.
Dass das ganz anders und viel besser geht, beweist seit 20 Jahren der Kanton Waadt mit seinem vorbildlichen Modell: alle Dienste aus einer Hand im gleichen regionalen Zentrum. Das Kürzel CMS bedeutet in der Waadt etwas ganz anderes als in Basel.Diesem Thema war unsere gutbesuchte Monatsversammlung vom 4.Juni unter Leitung von Angeline Fankhauser gewidmet.

Die Waadt nahm 1987 anstelle eines forcierten Baus von (kommunalen) Altersheimen per Volksabstimmung eine regelrechte Revolution in Angriff: Es entstanden, verteilt über das ganze Kantonsgebiet, 50 "Centres médico-sociaux" (CMS), regionale Kompetenzzentren für ambulante Hilfsleistungen aller Art. Wie der Name sagt, geht es keineswegs nur um betagte Menschen, sondern alle Altersklassen sind angesprochen: Kinder und Eltern, aus der Rehabilitation kommende und vorübergehend pfegebedürftige Patienten, etc. Wie das geht, erläuterte uns Carole Allgöwer, ins Welschland emigrierte Baslerin und 15 Jahre lange Leiterin eines CMS. In einem solchen Zentrum sind sämtliche Dienste vertreten: Spitex, Physiotherapeut, Sozialarbeiter, Haushalthilfen aller Art, Transportdienst, Pflegefachleute, Mahlzeitendienst, Ergotherapeut, und so fort. Jeder "Kunde", wie die PatientInnen heissen, hat eine einzige Ansprechperson, den sogenannten Referenten. Es gilt somit: Eine einzige Anlaufstelle, alles unter einem einzigen Dach, mit einem einzigen Ansprechpartner. Der Vorteil für die "KundInnen" liegt auf der Hand.

Konkretes Fallbeispiel: Ein Witwer, der bisher allein ganz gut zurechtkam, benötigt nach einem Sturz eine neues Hüftgelenk und somit jetzt im Alltag verschiedene Dienstleistungen. Bei der Bedürfnisabklärung sind der Referent und die Familie von Anfang an dabei. Nichts geschieht ohne das Einverständnis des Patienten, der sich von einem komplementär arbeitenden Team umgeben sieht.Jeder "Kunde" erhält einen individuellen Pflegeplan. Alle "Akteure", d.h die Vertreter der verschiedenen Dienstleistungen, treffen sich regelmässig und kennen die Pflegepläne, um sich auch wechselnden Bedürfnissen anpassen zu können. Auch die Zusammenarbeit mit dem Hausarzt ist eng. FInanziert werden die CMS zu 58% durch Gemeinden und Kanton, zu 32% durch die Versicherungen und zu 10% durch die "KundInnen". Gesteuert wird das ganze von einem kantonalen Dachverband, der sieben regionale Vereine unter sich hat. Es gibt also keine alleinige Gemeindekompetenz und keine "Gärtchen" der verschiedenen Dienste mehr.

Carole Allgöwer verhehlte indessen nicht, dass die Umstellung von der kommunalen zur kantonal verantworteten Heimpflege einschneidend und schmerzhaft war und dass es eine herkulische Aufgabe bildete, die Vertreter all der verschiedenen Dienste mit ihren unterschiedlichen Arbeitsweisen, Gewohnheiten und EInstellungen unter einen Hut zu bringen und sie zu konstruktiver Zusammenarbeit zu bewegen. "Es hat gut und gern 15 Jahre gedauert, bis eine gemeinsame Unternehmenskultur entstand in den CMS. Es brauchte sehr viel Godowill von allen. Aber es ist offenbar gelungen. Eine Art Erfolgskontrolle bestehe darin, dass die Waadt heute zu den Kantonen mit besonders spätem durchschnittlichem Eintrittsalter in Alters- und Pflegeheime zählt.

Wer der heutigen Baselbieter Verhältnisse (in der Stadt sind sie etwas besser) kennt, dem kommt angesichts dieser Waadtländer Lösung das Augenwasser. Wie weit Baselland von so etwas entfernt ist, umriss anschliessend Landrätin Pia Fankhauser. Immerhin gibt es jetzt eine einheitliche Telefonnumer für die heute noch 16 kommunal-regionalen Spitexorganisationen, die Vernetzung der Akteure aber ist noch sehr weit entfernt, und der Kanton weigert sich, etwas zu unternehmen -- Spitex ist Gemeindesache. Derzeit bestehen Kontakte mit den Hausärzten mit Blick auf ein Pilotprojekt: Die SP verlangt per Motion, dass die Regierung nach dem Scheitern des gemeinsamen Geriatriezentrums auf dem Bruderholz ein regionales PIlotprojekt aufgleist mit mindestens den Bereichen Palliativpflege, Alterspflege, Pschiatrie und Geriatrie.

Für Angeline Fankhauser bildet die Lehre aus all dem, dass die Energie sich stark auf das Anliegen "eine Anlaufstelle für sämtliche Dienste" richten solle. Die Geschäftsleitung der Grauen Panther hat an ihrer Sitzung vom 5.Juni beschlossen, das Anliegen aufzunehmen und geeignete Forderungen zu stellen, vorab im kommenden Baselbieter Altersleitbild, das noch vor den Sommerferferien in eine breite Vernehmlassung geht und in welchem auch das Thema "Vernetzung und Zusammenarbeit" vorkommt.

MM

Bilder Monatsversammlung: Länger zu Hause leben: Die Waadt machts vor