Monatsversammlung vom 7. September 2020

«Sommergespräch mit Anita Fetz» so der Titel der ersten Monatsversammlung seit der Corona-Krise. Im gut besuchten Saal der Johanneskirche liess die ehemalige Basler Ständerätin Anita Fetz (SP) die Geschichte der Frauen seit dem Mittelalter Revue passieren und berichtete von ihren Erfahrungen nach dem Rücktritt.

«my baasel» - mit diesen Buch hat die studierte Historikerin Anita Fetz den Frauen ein Denkmal gesetzt. Vor den Grauen Pantherinnen und Panthern liess sie in einem stark applaudierten Vortrag ein paar Jahrhunderte Basler Geschichte aus Optik der Frau Revue passieren. Ihre erstaunlichste Feststellung: Das «finstere Mittelalter» war für die Frauen gar nicht so finster. Fürchterlicher sei es erst mit der Reformation geworden – und besonders schlimm im 19. Jahrhundert.
Im Mittelalter hatte Basel ca. 10 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Eine Chronik schildert die Stadt als laut, streitsüchtig, stinkend und festfreudig. Etwas davon würde man sich auch heute wieder wünschen, scherzte Fetz. Eine deutliche Mehrheit der Bewohnerschaft war weiblich. Fetz nannte dafür zwei Gründe: Einerseits starben viele Männer im Söldnerdienst, andererseits zog es junge Frauen vom Land in die Stadt, weil sie dort über «minimale Freiheiten» verfügten. Die meisten Zünfte seien auch Frauen offen gestanden (z.B. bei den Kürschnern), berichtet Fetz. Einzelne Berufe waren ganz in Frauenhand, etwa die Wirkerinnen. Hoch angesehen war der Hebammenberuf. Diese Frauen waren vom Staat angestellt und besassen ein grosses Wissen in der Frauen- und Heilkunde. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Gynäkologie zur Männerdomäne. Viel Wissen, auch über Schwangerschaftsverhütung und -Abbruch ging dabei verloren. Die überfüllten Arbeiterquartiere etwa am damals noch offenen Birsig, wo die kinderreichen Familien in einem einzigen Raum hausen mussten, prägten einen Teil der Stadt.

Schutz für Prostituierte

Selbst Prostituierte, deren Beruf natürlich schon damals hart war, genossen im mittelalterlichen Basel einen gewissen Schutz. Die Wirtinnen waren laut einem Ratsreglement verpflichtet den Frauen den Sonntag freizugeben. Im damals katholischen Basel gab es 90 Feiertage. Da war für alle – auch für Frauen – für Abwechslung gesorgt. Zum goldenen Zeitalter für Basel wurde die Zeit des Basler Konzils (1431-1449). Tausende Fremde zogen nach Basel und mussten versorgt werden. Die Lebkuchenbäckerin, die Fetz in ihrem Buch portraitiert, machte gute Geschäfte.  Im Frauenkloster Klingental wurden junge Frauen zu Schreiberinnen ausgebildet; für die Vervielfältigung der Konzilsbeschlüsse gab es noch keine Druckmaschinen.

Ausgerechnet mit der Reformation verschlechterte sich die Stellung der Frau, legte Anita Fetz dar. Zwar gab es auch damals starke Frauen, welche die Pfarrhäuser der Reformatoren als offene Häuser für Alle führten und die geschäftlichen Angelegenheiten der mit ihnen verheirateten Reformatoren regelten. Allerdings wurden sie so zu Hausmütter. Andere Frauen verhalfen ihren Männern zum politischen Aufstieg. Etwa Anna Maria Falkner, die im 17. Jahrhundert dank Abstammung aus gutem Basler Haus dem zugezogenen Johann Rudolf Wettstein den Aufstieg zum Basler Bürgermeister ermöglichte.

Die «Mannokratie» des Bundesstaates

«Wirklich übel», so Fetz, wurde es für die Frauen im 19. Jahrhundert. Den 1848 gegründeten Bundesstaat («die einzige erfolgreiche bürgerliche Revolution in Europa») bezeichnet Fetz als «Mannokratie», die erst 123 Jahre später im Jahre 1971 ihr Ende fand. Doch auch im Basler Rathaus haben von 1504 bis 1968 keine Frauen regiert, stellt Fetz fest. Sie nimmt dabei auch die Arbeiterbewegung nicht aus der Kritik. Ab 1920 habe es fünf Anläufe gebraucht bis zur Einführung des Frauenstimmrechts in Basel. Auch in den Arbeiterquartieren habe es gegnerische Mehrheiten gegeben. Den Einwand, dass es keine Frauen als Vorbilder gebe, lässt Fetz nicht gelten. «Es gibt sie, man muss sie nur aus der Vergessenheit holen.» Und: «Wussten Sie, dass die Dreirosenbrücke von einer Architektin geplant wurde?»

Florett oder Hammer

Im ersten Teil des von Ursula Jäggi und Doris Moser Tschumi moderierten Anlasses berichtete Anita Fetz von ihrer Zeit nach ihrem Rücktritt aus dem Ständerat und ihren politischen Erfahrungen. Sie sei «nicht in ein Loch gefallen» und geniesse die neuen Freiheiten («ich habe ein gemütliches Leben mit freien Wochenenden»). Sie engagiere sich noch im Quartierverein und gehe auch wieder in den SP-Vorstand («etwas Erfahrung brauchen die Jungen doch auch»). Mit dem verstorbenen Helmuth Hubacher habe sie bis fast zuletzt Kontakt gehabt: «Wir haben ihn im Juni im Jura besucht. Er wusste, dass er wegen der Diagnose Tumor nicht mehr lange zu leben hatte und gab mit grosser Gelassenheit seine letzten Weisungen und Wünsche bekannt».

Zur Betreuung im Alter hat Anita Fetz nur einen persönlichen Berührungspunkt. Ihre demente Mutter starb im Mai im Pflegeheim Breite. «Die Zuwendung und Betreuung durch das Pflegepersonal war sehr positiv. Die Krankheit selber ist ganz einfach Scheisse.» Zur laufenden AVH-Reform meint sie, dass der Versuch aus bürgerlichen Kreisen, das AVH-Alter schrittweise zu erhöhen, Schiffbruch erleiden wird. Die Mehrheit im Rat wisse, dass ein AVH-Alter über 65 Jahre bei den Stimmberechtigten keine Chance habe.

Anita Fetz, die vor ihren 16 Jahren im Ständerat auch Nationalrätin war, verglich die beiden Räte wie folgt: «Im Ständerat wird mit dem Florett gekämpft, im Nationalrat mit der Keule.» In den letzten zehn Jahren hat sie eine positive Entwicklung festgestellt. Mit dem Aufstieg der SVP sei die Einheit der Wirtschaftsverbände und der bürgerlichen Parteien aufgeweicht worden. Es sei für SP und Grüne möglich, bei liberalen Themen mit der FDP und bei sozialen Fragen «ganz selten» mit der CVP Mehrheiten zu schmieden.

Nicht mit dem Schlafwagen fahren

Zur Frage, ob Basel eine linke Stadt bleibe, äussert sich Fetz differenziert. Sie gehe davon aus, dass die linksgrüne Mehrheit in der Regierung erhalten bleibe, obwohl das schwächste Glied - Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann – unter Beschuss der Bürgerlichen geraten sei. Dann allerdings dürfe man nicht «mit dem Schlafwagen fahren». Basel stünden grosse Herausforderungen bevor. Die finanziellen Mittel würden in Zukunft knapper werden. Da stelle sich die Frage, ob sich die Stadt den grössten Kulturetat (davon 90 Prozent für die Hochkultur) noch leisten könne. «Wir müssen uns gründlich überlegen, wo wir die Prioritäten setzten wollen».

Twitterfrei

Befragt wurde Anita Fetz auch zu ihrem Verhältnis zu den Medien. Sie vermisse es nicht, dass sie nicht mehr im Rampenlicht stehe. Ihr sei es stets nur um die Sache gegangen, die sie in den Medien vertreten habe. Auch schätze sie sich glücklich, dass sie schon vor dem Aufkommen der sozialen Medien bekannt gewesen sei. Sie habe zwar eine Facebook-Seite. Aber sie habe es sich leisten können, auf Twitter zu verzichten. Für junge Politikerinnen und Politiker sei dies hingegen unmöglich geworden.

Martin Brodbeck