Walter Hollstein über Männerbild und Gesellschaft

Die Probleme des alternden Mannes sind kaum Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung - ganz im Gegensatz zum Thema "Frauen im Alter". Unsere Monatsversammlung vom 6.Februar stiess deshalb auf reges Interesse.

Für Prof.Walter Hollstein, Soziologe, Journalist und Buchautor, ist das weitgehende Fehlen von Reflexion über den älteren Mann in Wissenschaft und Literatur kein Zufall: Das Bild von Männlichkeit, wie viele Männer es sehen und wie es gesellschaftlich erwartet wird, ist heute noch geprägt von Leistung, Erfolg, gewisse Härte etc., und gar nicht durch sog. "weibliche Qualitäten" wie Nachgiebigkeit, Geduld etc. Auch in den Erziehungsprozessen für Buben sieht Walter Hollstein nach wie vor keine Revolutionen: Unsere Buben werden immer noch auf Leistung, Erfolg und Wettbewerb getrimmt und darauf, nicht über Probleme und Gefühle zu reden, sondern Probleme möglichst alleine zu lösen. Denn vom Manne wird gemeinhin erwartet, dass er emotional autark sei. Das gibt eine Kette, die so zu beschreiben ist: Die Fixierung auf Äusserliches führt zu einer frühen Abspaltung der Innerlichkeit, zu innerer Orientierungslosigkeit, zu Leere und schliesslich zu Suchtbildung als Kompensation. Vieles wird verdrängt im Laufe der Zeit. Männer öffnen sich emotional viel weniger als Frauen und haben in der Regel, wenn überhaupt, nur wenige echte Freunde, mit denen sie über persönliche Probleme reden können, Frauen hingegen haben meistens viel mehr gute Freundinnen, mit denen sie auch gut reden können. Sind bei Männern nach der Pensionierung das soziale Netz und die Identifikation über die Arbeit erst einmal weg, folgt rasch die Isolation. Hollstein zeigte auf, dass die Selbstmordrate bei pensionierten Männern dramatisch ansteigt.

Frauen können allgemein besser mit dem Alter umgehen, sie sind flexibler, haben meist mehr Identifikationsobjekte und Hobbies, grössere soziale Netze und tun mehr für ihre Gesundheit, sind weniger von der Innerlichkeit getrennt als Männer, haben insgesamt einen besseren Ich-Bezug. Hollstein fodert deshalb, dass die Gesellschaft nach einem anderen Frauen- auch ein anderes Männerbild formen müsse. Etwa gemäss einem Wort von Lao-Tse:
"Um seine männliche Schöpferkraft zu wissen und doch seine weibliche Empfänglichkeit zu bewahren, heisst zum Strombett des Lebens zu werden."

Hollstein berichtete weiter über die Altersforschung, die in jüngerer Zeit ein positiveres Bild des Alterns produziert als früher; jetzt redet man neben Erschwernissen bisweilen auch von "Alters-Gewinn", etwa durch die Lebenserfahrung, die vermehrte Freizeit und Autonomie, die viele Möglichkeiten bieten. Ältere Menschen benötigen heute auch viel weniger Hilfe als noch vor 10 oder 15 Jahren. Ein Berliner Altersforscher hat gesagt: Ein Staat mit ausschliesslich 65jährigen Bürgern wäre voll funktionsfähig, einer mit ausschliesslich 20jährigen würde kollabieren!

Die sehr lebhafte Diskussion nach dem Vortrag zeigte, dass wir viele Einsichten und Anregungen empfangen haben. Es schienen übrigens mehr Männer anwesend zu sein als sonst bei unseren Versammlungen, dafür meldeten sich mehr Frauen zu Wort. Allein dies gäbe Stoff für weitere Diskussionen....

MM