Junge unbegleitete Flüchtlinge, die längere Zeit in einer Gastfamilie oder WG leben können, haben ungleich bessere Voraussetzungen für erfolgreiche Integration und Berufswege. Dies haben ein einfühlsamer Dokumentarfilm und eine erhellende Diskussion mit der Projektleiterin der GGG   an unserer Monatsversammlung vom 5.Dezember in der Grün 80 deutlich gemacht.

Sehr viele junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren fliehen  nach Europa. Oft sind es auch bürokratisch als «UMA» bezeichnete unbegleitete Minderjährige. Ihnen bei uns eine Perspektive zu bieten, ist eine besondere Herausforderung für Staat und Gesellschaft. Wieviel wir als Individuen oder Familien beitragen können, so wir denn wollen und können, hat der Therwiler Dokfilmer Roland Achini an unserer Monatsversammlung in seinem Film «Flüchtlinge in Gastfamilien» auf eindrückliche Weise gezeigt. Besonders bewegend vielleicht der Moment, da die 18jährige Sara aus Eritrea mithilfe ihrer Reinacher Pflegeeltern den Brief mit dem positiven Asylentscheid aus Bern zur Kenntnis nehmen darf. Vorher hat sie schon fleissig die Schule besucht und  ahnsehnlich Deutsch gelernt. Oder die drei jungen Afghanen, die in Basel in einer WG von Schweizer Pflegeeltern betreut werden:  Auch sie büffeln nicht nur Deutsch, sondern lernen bei regelmässigen Besuchen bei einer Grauen Pantherin, die sie bald «Oma» nennen, zum Beispiel Butterzöpfe flechten und backen. Denn die Dinge des Alltagslebens sind enorm wichtig. Der Film folgt den jungen Leuten behutsam auf ihrem Weg zu ersten Erfahrungen etwa mit Schnupperlehren. Und zeigt Erfolge: alle fünf Flüchtlinge in diesem Filmsind inzwischen auf gutem beruflichen Wege. Einer hat bereits eine feste Stelle als Informatiker, ein zweiter lernt Metzgerassistent, der dritte Elektriker. Lava aus Syrien lernt Coiffeuse und hat akzeptiert, dass das nur ohne ihr Kopftuch geht…. Einer der jungen Afghanen hat sogar geheiratet, es syrisches Mädchen, sie lernten sich in der Schule kennen.

Kein Zufall

Dass der Film gleich fünf gute Geschichten zeigen kann, ist kein Zufall, wie Barbara Rosslow in der Diskussion aufzeigte. Sie ist verantwortliche Projektleiterin der Kontaktstelle «Gastfamilien für Flüchtlinge» bei der GGG in Basel und zuständig für die Kontakte zwischen Familien und Flüchtlingen. Ihre Erfahrungen zeigen: Geflüchtete Jugendliche, die bei Gastfamilien leben, lernen intensiver Deutsch als im Asylheim und lernen sich im helvetischen Alltag viel besser zurechtzufinden. Damit haben sie auch bei möglichen Ausbildungen und Berufswegen klar bessere Karten. Natürlich tragen sie selber viel dazu bei: Wie Barbara Rosslow unterstreicht, sind an Gastfamilien interessierte Flüchtlinge zielstrebig, wenn auch oft noch zurückhaltend oder schüchtern, aber sie wollen sich integrieren, Deutsch lernen und beruflich vorwärtskommen; manchmal bringen sie auch bereits eine solide Ausbildung mit und haben berufliche Wunschziele.  Rosslow schätzt, dass vielleicht 70% dieser jungen Leute es auch schaffen und ihre häufig traumatischen Erlebnisse in ihrer Heimat überwinden können. Seit Ende 2015 hat die GGG etwa 50 Jugendliche zwischen 18 und 23 Jahren in Gastfamilien und WGs vermittelt. Finanziert wird das Ganze mit den gesetzlich vorgesehenen Sozialhilfebeiträgen.

Die GGG klärt sorgfältig Bedürfnisse und Erwartungen sowohl der Gastfamilien als auch der Flüchtlinge ab, denn für ein einigermassen gutes Zusammenleben muss die Chemie stimmen. Wird man sich einig, sorgt die GGG für einen befristeten neunmonatigen Untermietvertrag. Nach mehreren Besuchen der GGG Kontaktstelle wird entschieden, ob das Gastverhältnis verlängert wird. Meistens ist das der Fall, und die Jugendlichen bleiben zwischen einem und anderthalb Jahren bei ihrer Gastfamilie. Dann geht es weiter.

Ein bis anderthalb Jahre

Wie es weitergeht, das kristallisiert sich in der Regel beim Brückenangebot heraus, das in allen Kantonen besteht: Es bietet Jugendlichen, die am Ende der obligatorischen Schulzeit noch nicht wissen, in welche Richtung es gehen soll, entsprechende Orientierungsangebote wie Schnupperlehren etc. Diese können auch von den jungen Migranten genutzt werden.

Betont wurde in der Diskussion auch, dass es keine besonderen Kenntnisse oder Voraussetzungen braucht, um Gastfamilie zu werden. Die Bereitschaft und die Lust, jemandem ein Zuhause zu bieten, der keines hat, reicht aus. Die GGG sucht laufend neue Interessierte.
Martin Matter

GGG Kontaktstelle Gastfamilien für Flüchtlinge, Marktgasse 6, Basel. Tel.075 413 99 65. www.ggg-fluechtlinge.ch