Erika Preisig: „Ich bin eine Hebamme am Lebensende“

Rund 140 Pantherinnen und Panther kamen zur Monatsversammlung mit Erika Preisig, Hausärztin und Freitod-Begleiterin. Sie tritt energisch für Selbstbestimmung auf dem letzten Weg ein und forderte ihr Publikum auf, unbedingt eine Patientenverfügung zu erstellen.

Der Saal des Quartierzentrums Bachletten füllte sich am 5. März buchstäblich bis zum Rand. Zusätzliche Stühle wurden hineingetragen, bis im ganzen Haus keine mehr zu finden waren. Dass sich auch die Hauptperson der Veranstaltung, Erika Preisig, am Stühleschleppen beteiligte, sollte niemanden wundern – eine zupackende Frau, selbstbewusst und bescheiden zugleich auftretend. Entsprechend positiv wurde ihre Botschaft aufgenommen. In der von Ursula Jäggi moderierten Diskussion gab es kaum kritische Fragen und keine Gegenpositionen.

Schlüsselerlebnis: Das Sterben des Vaters

Erika Preisig, in Biel-Benken praktizierende Hausärztin, war schon viele Jahre in der Palliativmedizin – Pflege von Patienten auf dem Weg zum Tod – tätig, als sie im Jahr 2006 ein Schlüsselerlebnis hatte. Sie verhalf ihrem 82-jährigen Vater nach zwei Hirnschlägen und einem Suizidversuch zum „selbstbestimmten Sterben“. Dies brachte sie mit der Freitod-Begleitung in Kontakt. In der Folge arbeitete sie für die Organisation Dignitas. 2012 gründete sie den Verein „lifecircle“ und die Stiftung „Eternal SPIRIT“, die sich beide weltweit für die Förderung der Selbstbestimmung im Leben und am Lebensende einsetzen.
In die öffentliche Diskussion geriet Erika Preisig, weil sie zu rund drei Vierteln Ausländerinnen und Ausländer begleitet. Es wurde ihr auch unterstellt, aus der Freitod-Begleitung ein lukratives Geschäft zu machen – ein Vorwurf, für den es gemäss Abklärungen der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt keinerlei Grundlage gibt.

Wichtig ist ihr, nicht von Sterbehilfe oder Beihilfe zum Suizid, sondern von Freitod-Begleitung zu sprechen: „Es ist für chronisch leidende Menschen eine Erlösung, das Leben selbst und ohne weiteres Leiden beenden zu dürfen, begleitet von verständnisvollen Menschen, akzeptiert von der Familie. Dies hat mit der Gewalttätigkeit und der Verzweiflung eines Suizides nichts zu tun.“ Suizid heisse immer auch, dass Angehörige zurückbleiben, die nur schwer mit diesem Vorgang umgehen können. Beim begleiteten Freitod hingegen erlebe sie in der Regel, dass die Leute ihre Dinge in Ordnung bringen und sich in Ruhe von den Angehörigen verabschieden.

Die Sterbewilligen erhalten – nach umfangreicher Beratung und Abklärung – von ihrem Arzt/ihrer Ärztin ein Medikament in tödlicher Dosis. Sie müssen dieses Mittel selbst einnehmen oder eine Infusion mit diesem Mittel in Gang setzen. Sie müssen zudem urteilsfähig sein, weshalb diese Praxis zum Beispiel bei fortgeschrittener Demenz nicht in Frage kommt. Die Voraussetzungen und der Ablauf eines begleiteten Freitodes sind komplex. Auf der Internet-Seite des Vereins „lifecircle“ finden sich Links zu verschiedenen Dokumenten, auch Dokumentarfilmen zum Thema.

Lebensqualität an erster Stelle

„Was mich immer wieder stört, ist, dass wir zwar alle Verantwortung tragen für unser Hier und Jetzt. Im Moment aber, wo die Menschen gehen müssen, sollen sie plötzlich diese Verantwortung abgeben“, sagte Erika Preisig den Pantherinnen und Panthern. Sie ist ein sprudelnder Quell von Erfahrungen und Geschichten, die sie gerne mit ihrem Publikum teilt. „Eigentlich sollte ich es nicht so positiv darstellen, aber es ist für mich nun mal eine schöne Arbeit.“

Als junge Frau war ihr Berufswunsch Hebamme. Nun sieht sie sich als "Hebamme am Ende des Lebens". So wie es unterschiedliche Arten gebe, zur Welt zu kommen, auch den Kaiserschnitt, gebe es unterschiedliche Arten, diese Welt wieder zu verlassen. Sie wolle ihre Patienten und Klienten dabei beraten und begleiten. Wenn allerdings jemand sie um Begleitung in den Freitod bitte, so versuche sie zunächst, mit dieser Person gründlich zu klären, welche Möglichkeiten es gibt, deren Lebensqualität so zu verbessern, dass es (noch) nicht nötig sei, den "Notausgang" zu benutzen.

Kirchliche Kreise machen Preisig und anderen "Sterbebegleitern" den Vorwurf, sie würden dem Schöpfer ins Handwerk pfuschen. Dies kontert die Ärztin mit dem Hinweis, auch die Medizin greife in die Schöpfung ein, wenn sie zum Beispiel durch eine Serie von Operationen oder Chemotherapien das Leben verlängere, obwohl dieses dann oft nur noch aus Leiden bestehe.

Immer wieder zu hören ist die Befürchtung, Schwerkranke könnten von ihrem Umfeld in den "Notausgang" gedrängt werden, zum Beispiel mit Blick auf die hohen Kosten eines Pflegeheims. Dies wäre auch für Preisig ein unerträglicher Gedanke, doch sei ihr bisher kein solcher Fall begegnet. Sie erlebe im Gegenteil, dass Angehörige die Sterbewilligen trotz grossen Leidens überreden wollen, "noch ein wenig zu bleiben“.

Patientenverfügung für alle!

„Wir können wirklich dankbar sein, dass wir in der Schweiz diese Möglichkeit haben“, sagte eine Frau im Publikum und forderte die Anwesenden auf, mit ihren Hausärzten Sinn und Notwendigkeit der Freitodbegleitung zu diskutieren. Nach wie vor sei eine Mehrheit der Medizinerinnen und Mediziner gegen den begleiteten Freitod, während, laut Preisig, 84 Prozent der Bevölkerung die Freiheit haben möchten, ihn notfalls in Anspruch zu nehmen. Entsprechende Vorschriften seien zurzeit in Revision. Es sei wichtig, dass auch Organisationen wie die Grauen Panther dazu ihre Stimme erheben.

Dringend gab Erika Preisig den Anwesenden mit auf den Weg: "Macht unbedingt eine Patientenverfügung! Heute ist die Medizin so gut und so rücksichtslos, dass die grosse Gefahr einer Überbehandlung besteht." Noch seien viel zu wenige Menschen im Besitz dieses Dokumentes. Vielen sei auch nicht bewusst, dass die Verfügung nur dann voll gültig sei, wenn sie alle zwei Jahre erneuert oder neu unterschrieben werde.

Heinz Weber

Weitere Informationen auf www.lifecircle.ch oder in dem Buch von Erika Preisig "Vater, du darfst sterben" (CHF 20.–, ISBN 978-3-9524541-0-7), ausserdem auf www.exit.ch und www.dignitas.ch