Die Bruderholz-Initiative im Kreuzfeuer

Ist die Baselbieter Bruderholz-Initiative eine Bereicherung der regionalen Spitalplanung oder gerade eben deren Bedrohung? Darüber wurde an unserer Monatsversammlung lebhaft diskutiert. Am 21.Mai wird abgestimmt

Das Thema ist nicht nur von politischer Bedeutung, es ist auch für die Grauen Panther etwas delikat, sitzen doch gleich zwei der bekanntesten und angesehensten Pantherinnen in ihrem privaten Namen im Initiativkomitee: Angeline und Pia Fankhauser. Damit ist klar, dass die Meinungen auch an unserem Podium vom 8.Mai geteilt sein würden. So war es denn auch.
Die Initiative will im Gesetz festschreiben, dass die Grundversorgung bzw.erweiterte Grundversorgung an den Standorten Bruderholz, Liestal und Laufen gesichert ist. Demgegenüber beabsichtigen die beiden Basel derzeit in ihren Kooperationsplänen unter anderem die Umwandlung des Akutspitals Bruderholz in eine Klinik für ambulante Eingriffe.

Keineswegs harmlos
„Die Initiative tönt relativ harmlos“, leitete der Baselbieter Regierungspräsident und Gesundheitsdirektor Thomas Weber  sein Statement gegen die Initiative ein. Um sogleich klarzustellen, dass sie alles andere als harmlos sei. Die Argument der Befürworter, wonach die Grundversorgung mit den Plänen der beiden Basel verschlechtert werde, suchte er mit konkreten Zahlen zu entkräften:  Die Unterbaselbieter gehen vorab ins Bruderholz und nach Basel. Im Bezirk Arlesheim lassen sich heute schon 60% aller Patienten in ausserkantonalen Spitälern behandeln. Von den rund 32000 Notfällen aus dem Bezirk Arlesheim kommen 14000 ins Bruderholz, davon sind 10000 ambulant und 4000 stationär, das ergibt etwa 11 Stationäre pro Tag (die übrigen Notfälle verteilen sich vorab auf das Unispital, Dornach und Clara). Geplant sind auf dem Bruderholz 10000 ambulante Notfälle, 4000 würden anderswo im KSBL aufgenommen. Weber: „Es gibt keine Unterversorgung.“
Die Pläne für das neue Kooperation der beiden Kantone sehen so aus:
Unispital Basel als Maximalversorger, Bruderholz als „Gesundheitscampus“ inklusive Notfall-Permanence, Spital Laufen als Gesundheitszentrum mit Notfall-Permanence, Spital Liestal mit erweiterter Grundversorgung.

Versorgung gesichert
Anhand dieser Struktur und einem konkreten Beispiel eines mehrfach erkrankten 62Jährigen aus Laufen suchte Weber zu belegen, dass die Versorgung und somit auch die medizinische Grundversorgung im Unterbaselbiet gesichert seien.
Die Initiative nehme dem KSBL Handlungsspielraum, kritisierte er. Aber die Leute wolllen die freie Spitalwahl, das Gesetz des Bundes wie auch Bundesgerichtsurteile hingegen fordern Zusammenarbeit. Nicht zuletzt aber führe die Initiative in Defizite und würde den Kanton 20-25 Mio. Pro Jahr kosten. „Die Initiative gefährdet langfristig die KSBL-Standorte Bruderholz und Laufen eher als dass es sie sichert“, bilanzierte Weber.

Vernünftige Kooperation
Steffen Herbert, Reinach, der Präsident des Initiativkomitees, fasste sich kurz: 80% der Fälle im Spital seien mit Grundversorgung abdeckbar.  Die vielen spezialisierten Institutionen in der Region arbeiteten ausgezeichnet. Man sei keineswegs gegen Zusammenarbeit mit Basel, wie oft gesagt werde, aber die Kooperation soll vernünftig sein:  „Schwere Fälle müssen ganz klar ins Unispital oder ins Clara, da gibt es keine Diskussionen. Alles andere aber sollen wir im eigenen Kanton machen“. Deshalb wolle die Initiative die erweiterte Grundversorgung im Baselbiet gesetzlich sichern.


Lebhafte Kontroversen

Die Diskussion entzündete sich gleich zu Beginn am Begriff „erweiterte Grundversorgung“: was ist das eigentlich genau? An sich ist sie sogar im Bundesgesetz verankert, aber nicht scharf definiert. Pia Fankhauser definierte: es sind alle wesentlichen Spital-Disziplinen, die nicht hochspezialisiert sind.  Nicht unerwähnt blieb natürlich, dass die erweiterte Grundversorgung ständig ausgedehnt wird. Beispiel: Herzkatheter.

Spezialisierung, nicht Abbau
Auf die Frage, ob die gemeinsamen Pläne der beiden Basel nicht den Notfalldienst abbauen, erklärte Weber: Nein, nicht Abbau, sondern Spezialisierung. Das bedeute mittelfristig, dass der richtige Fall ans richtige Ort kommt; ein Prozess, der indessen etliche Jahre benötigen werde. Er betonte, dass eine Konzentration die Qualität eher verbessern, aber da und dort die Transportdistanzen etwas erhöhen würde. Das kann für alte Leute problematisch sein, gab Angeline Fankhauser zu bedenken; ältere Leute, die auf den Notfall müssen, bleiben meistens stationär. Weber konterte: wegen der Distanzen haben wir eben Permanencen geschaffen.

Bereicherung kontra Bedrohung
„Die Bruderholz-Initiative ist eine Bereicherung für die Arbeit der Regierung bei der regionalen Versorgung“, begründete Angeine Fankhauser weiter ihr Engagement für den Vorstoss. Und sie ersuchte den Regierungsrat eindringlich, die Akutgeriatrie wie auch die palliative Pflege in die Planung einzubauen, ein Anliegen, das bei Weber auf offene Ohren stösst, ist doch unbestritten, dass vorab in der Palliativpflege im Baselbiet noch sehr viel zu tun ist. 

„Die Initiative ist keine Bereicherung, sondern eine Bedrohung“, hielt Martin Brodbeck, Kenner der Gesundheitsszene, entgegen. Die Konstruktion des Kantonsspitals Baselland sei  längerfristig nicht überlebensfähig. Die Initiative bringe Planwirtschaft und verunmögliche die gemeinsame Spitalplanung.
Natürlich widersprachen die Initianten diesem Schluss. Ein Ja zur Initiative bringe endlich eine vernünftige Kooperation zwischen den drei BL-Kliniken, meinte Steffen Herbert, das sei bisher nicht der Fall, wie etwa die Abwanderung der Frauenklinik nach Basel zeige.

Mys Füürli
Mehrfach angesprochen wurde die liebgewordene Kleinräumigkeit als Bremse für weitergehende Zusammenarbeit: „Endlich einmal finden sich BS und BL zu einer guten Zusammenarbeit, und sofort wird es wieder sabotiert“, brachte Max Gautschi, Basler GP-Mitglied, das Unbehagen auf den Punkt. Co-Präsident und Moderator Hanspeter Meier schlug in dieselbe Kerbe. Diesen Ball nahm Weber dankbar auf mit dem Hinweis auf die Geburten: Man befürchete damals eine Versorgungslücke, als das Kinderspital vom Bruderholz nach Basel ging. Aber es gab keine Probleme.

Zur Sprache gebracht wurden von Remo Gysin und von Steffen Herbert auch die massiven Ausbaupläne der Privatspitäler wie Hirslanden, Clara, Merian Iselin, mit Schwerpunkt Orthopädie. Deshalb halte er den geplanten Ausbau der Orthopädie auf dem Bruderholz für falsch. „ Aus regionaler Sicht braucht es das Bruderholzspital überhaupt nicht“, meinte der frühere Basler Gesundheitsdirektor. Es gehe nicht um Ausbau, konterte Weber, sondern um die Zusammenfassung der bestehenden Orthopädie-Kapazitäten auf dem Bruderholz.

Spannung steigt
Mit der Zeit wurde der Tonfall der Diskussionen etwas gereizter, man spürte die Nähe des Abstimmungsdatums. „Pia, was du meinst, bedeutet:  Macht alles überall, und bezahlt es, koste es was es wolle“, brachte Weber es auf den Punkt und provozierte natürlich neuen Widerspruch.

Erstaunlich war der Umstand, dass bisweilen geradezu „fake news“ zu hören waren in dieser Diskussion. So wurde etwa behauptet, dass die Notfalldienste des Unispitals keine älteren Leute mehr aufnehmen würden. Das stimmt natürlich überhaupt nicht: es besteht Aufnahmepflicht.

Eher nein
Und welche Seite hat nun die Grauen Pantherinnen und Panther besser überzeugt? Bedroht die Initiative das KSBL und die Zusammenarbeit, oder bringt sie eine kantonsweite bessere Grundversorgung? Der Stärke des ab und zu aufkommenden Applauses nach zu schliessen waren die Gegner der Initiative etwas in der Mehrzahl. Aber nicht so überaus deutlich.

Martin Matter