Monatsversammlung vom 7. März 2016

Monatsversammlung zum brisanten Thema war sehr gut besucht

„Ist die Schweiz durch den Islam bedroht? “Die provokative Fragestellung lockte eine grosse Schar zur Monatsversammlung der Grauen Panther. Doch der Titel hatte auch Kritik provoziert. Diskussionsleiter und Co-Präsident Remo Gysin räumte ein, dass diese Fragestellung nicht unproblematisch sei. Denn nicht die Religion sei extrem, sondern nur einzelne Menschen. Und Heinz Kreis, ehemaliger Präsident der Kommission gegen Rassismus, nahm als Hauptreferent den Ball auf. Wie problematisch gewisse Fragestellungen sein können, zeige die angebliche „Judenfrage“ früherer Zeiten. Allein schon die Frage habe zu einer „negativen Hervorhebung“ geführt. Andererseits sei eine Tabuisierung der Sache auch nicht dienlich. Kreis riet den Grauen Panthern, nicht nur „über die Muslime“ zu reden, sondern „auch mit ihnen.“

Kreis, emeritierter Professor und nach eigenem Bekunden kein Muslimexperte, beobachtet, dass kleine radikale Gruppen wie der Islamische Zentralrat in der Öffentlichkeit viel mehr Aufmerksamkeit erhalten als moderate Organisationen. „Die religiösen Vereine sollen uns nicht suspekt sein,“ betonte Kreis. „Wir  haben ein Interesse an einer Organisation.“ Und: „Wir brauchen ein Gegenüber, mit dem man verhandeln kann.“ Allerdings gebe es bei den Muslimen keine einheitliche Organisation.
Kreis stellte fest, dass die Muslime in der Schweiz in ihrer grossen Mehrheit unproblematisch sind und nicht ausgegrenzt werden dürfen. Kommen sie als Arbeits-Immigranten oder Flüchtlinge zu uns, so sei in einer ersten Phase eine Re-Islamisierung festzustellen. Es sei ein natürlicher Vorgang, dass man in der Fremde im sozialen Netz ihrer Religionsgemeinschaft mehr Halt sucht als im Herkunftsland. Für Muslime sei die Religion wichtiger als für Schweizer Christen. Doch mit der Zeit flache auch bei ihnen die Religiosität ab. Eine unverbindliche à-la-carte-Religiosität lasse sich nicht nur bei den Schweizern beobachten, sondern auch bei einem Teil der Muslime. Eine interessante Feststellung machte Kreis zum Verhältnis zwischen Christen und Muslimen. Kirchliche Kreise suchten viel intensiver den interreligiösen Dialog, während Unreligiöse die Religionsfrage hochspielen und den Islam als Bedrohung darstellen. Auch zahlenmässig stellte Kreis die Proportionen her. In der Schweiz leben rund 400 000 bis 500 000 Muslime. Das seien etwa fünf Prozent der Bevölkerung.

Dass „das Fremde“ als Bedrohung angesehen wird, sei nichts Neues. Früher seien es die Italiener gewesen, welche als „Überfremdungsgefahr“ tituliert wurden (Gelächter im Saal). Auch die Tamilen seien als angebliche „Heroin-Dealer“ abgelehnt worden, würden heute jedoch als „Muster-Immigranten“ angesehen. Dabei müsste man eigentlich gerade bei den Tamilen „genauer hinschauen“, da bei ihnen die Zahl der Zwangs-Ehen sehr hoch sei. Doch im Fokus der Kritik stehe auch hier nur der Islam.

Mit den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten entstehe eine neue Dimension. Sie sind nicht nur Flüchtlinge, sie sind auch Muslims. Kreis betont jedoch, dass es „den Muslim“ so wenig gebe wie „den Islam“. Man solle „den Andern“ nicht „Andersers“ machen als er ist. Der Behauptung, dass die „Einwanderung“ eine „Unterwanderung“ sei, hielt Kreis entgegen, dass sich alles im Rahmen des schweizerischen Rechtsstaates abwickle. In der anschliessenden Diskussion wies Kreis auf die Impulse hin, welche die Immigranten dem immer älter werdenden Europa verschaffen. Es sei wie im 19. Jahrhundert, als die tüchtigsten Schweizer nach Amerika auswanderten.

Über konkrete Flüchtlingsarbeit berichtete Hanspeter Meier, Co-Präsident der Grauen Panther. Er gehört zu einer Gruppe von Muttenzern, welche die in Muttenz einquartierten Asylbewerber (allesamt junge Männer) betreut. Die rund 30 Personen erhalten in drei Gruppen Deutschunterricht. Es gebe wie überall Interessierte und Uninteressierte, Intelligente und weniger Intelligente, schilderte Meier den Schulalltag. Auch sei das Bildungsniveau sehr unterschiedlich. Schwierig sei es bei einem 45jährigen Kurde, der Analphabet ist. Die Kurse werden jeweilen von zwei Lehrpersonen durchgeführt, damit man auf die unterschiedlichen Vorkenntnisse individueller eingehen kann. Auch reine Frauenteams hätten überhaupt keine Probleme mit ihren Schülern. Erfreulich sei, wie diese Fortschritte machen. Andererseits seien die Perspektiven der Asylbewerber schwierig. „Sie stehen vor einer ungewissen Zukunft.“ Selbst bei jenen, welche in der Schweiz bleiben dürfen, werde angesichts der Sprachprobleme eine Integration in den Arbeitsprozess nicht leicht. Die Freiwilligengruppe in Muttenz unternimmt auch Integrationsbemühungen. So werden den jungen Männern die Gepflogenheiten in der Schweiz näher gebracht, zum Beispiel Pünktlichkeit. Auch gemeinsame Ausflüge werden unternommen – etwa an die Muttenzer Fasnacht. In der Begegnung mit den Flüchtlingen entstehen schöne Momente. Hanspeter Meier: „Wenn sie uns auf der Strasse sehen, kommen sie strahlend auf uns zu und geben uns die Hand.“

Martin Brodbeck