Monatsversammlung vom 6. Juni 2016

Spannende Diskussion mit den Gesundheitsdirektoren der beiden Basel

Dass zwei Regierungsräte, notabene auf eigenen Vorschlag hin, bei den Grauen Panthern zur Information und Diskussion aufkreuzen, kommt nicht alle Tage vor. Eine stattliche Zahl von Pantherinnen und Panthern liess sich die Gelegenheit nicht entgehen, an unserer Monatsversammlung vom 6.Juni mit Lukas Engelberger, Vorsteher des Sanitätsdepartements Basel-Stadt, und Thomas Weber, Vorsteher der Volkswirtschafts- und Sanitätsdirektion Baselland, zu diskutieren. Die Initiative der beiden Regierungsräte zeigt, dass wir Graue Panther politisch ernst genommen werden.

Geschlossener Raum

Engelberger wies einleitend darauf hin, dass die Nordwestschweiz einen recht geschlossenen Gesundheitsraum bildet: 94% der Menschen beider Basel lassen sich hier behandeln. Fast die Hälfte der Baselbieter besuchen ein Basler Spital, es ist also sehr wichtig, was in Liestal beschlossen wird. Insgesamt haben wir in beiden Basel, man höre und staune, 27 Spitäler, grosse und ganz kleine. Die Zahl werde sich wohl mit der Zeit reduzieren, da eine gewisse Grösse immer wichtiger wird. Pro Einwohner werden  nirgends mehr Gesundheitsleistungen angeboten als in Basel-Stadt („Spitalkanton“), und niemand geht so oft ins Spital wie die Basler; auch die Baselbieter liegen diesbezüglich über dem Schweizer Durchschnitt. Das habe vor allem mit den vielen älteren und alleinstehenden Menschen zu tun, sagte Engelberger, aber auch mit dem grossen Angebot vor Ort. Die bekannte Folge: Basel-Stadt hat die höchsten Krankenkassenprämien der Schweiz, und auch im Baselbiet liegen sie hoch.

Dann blickte Engelberger etwas in die schweizerische Zukunft: Ambulante Behandlungsmöglichkeiten nehmen zu, die Zahl der Älteren und Chronischkranken nehmen zu, ein Mangel an ärztlichen Grundversorgern zeichnet sich ab, das Kostenwachstum wird anhalten.

In den beiden Basel hat es eher zuviel als zu wenig stationären Spitalbetten, betonte Engelberger weiter, und die Aufenthaltsdauer verkürzt sich. Die Nordwestschweizer Spitäler stünden vor der Herausforderung, eher mehr Patienten mit weniger Personal behandeln zu müssen und befänden sich in schwieriger Finanzlage. Das Uni-Spital seinerseits müsse auf die Tarifentwicklung schauen, stehe vor hohen Investitionen und verfüge über ein  kleines Einzugsgebiet.

„Das führt zur Einsicht, dass wir stärker zusammenarbeiten müssen in beiden Basel,“ sagte Engelberger“; „ diese Chance wollen wir nutzen“. Ziel: Passendes Angebot, Bündelung von Kompetenzen und Investitionen, Spezialisierung und Bildung von Kompetenzzentren, Stärkung des Hochschul-Medizinstandortes.

Gemeinsam planen trotz Selbständigkeit

Der Abstimmungssonntag habe wieder gezeigt, dass das Baselbiet zwar selbständig bleiben, aber stark zusammenarbeiten will, betonte Thomas Weber seinerseits. Auch er nannte als Ziele der Zusammenarbeit: Gesundheitsversorgung optimieren, Kostenwachstum dämpfen, Hochschulmedizin langfristig sichern. Dann umriss der Baselbieter Sanitätsdirektor die seit einiger Zeit bekannten Eckdaten des Projekts: die Planung soll gemeinsam erfolgen, eine gemeinsame Spitalgruppe für die Baselbieter Spitäler  und das Universitätsspital ist geplant,  das stationäre Angebot soll  in Basel und Liestal konzentriert werden, der Trend „mehr ambulant statt stationär“ soll Ausdruck finden in einem neuen Ambulatorium auf dem  Bruderholz.


Zur Situation der Akutgeriatrie, die uns besonders interessiert, nannte Weber als Ziel nur summarisch: die stationäre Versorgung sicherstellen, unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung und des Wegfalls des Akutspitals auf dem Bruderholz.

Immer mehr Hochbetagte

Im Jahre 2014 wurden 16000 Patienten 80+ in beiden Basel behandelt. Diese Altersgruppe wird im Baselbiet in den kommenden Jahrzehnten überdurchschnittlich anwachsen, während sie in Basel  eher stabil bleibt. Weiter versicherten die beiden Regierungsräte:

  • die Pflegeheimplätze in beiden Basel sind in der jüngsten Vergangenheit so konstant angestiegen, dass es heute teilweise sogar Überkapazitäten gibt. Man sei also gut aufgestellt. Auch hier wolle man ambulant vor stationär fördern.
  • Die Rehabilitation ist sehr wichtig. Heute gibt es im Bruderholz etwa 77 Betten, die anderswo angeboten werden müssen. Der Reha-Bedarf wird stationär wie ambulant in Zukunft zunehmen, aber gute Rehabilitation kann den Eintritt ins Pflegeheim verzögern.

  • Zwischenergebnis der bisherigen Projektarbeit laut Weber: „Wir sind überzeugt, dass die Bruderholz-Kapazitäten mit den bestehenden Angeboten aufgefangen werden können“.


Lebhafte Diskussion

Wir hatten für die Disskussion mehrere Themenblöcke ausgewählt. Der erste lautete: Bruderholz-Initiative, Akutgeriatrie, Ausbau Spital Dornach. Was passiert, wenn die Initiative zur Erhaltung des Bruderholzspitals angenommen wird? Was wird dann aus den gemeinsamen Plänen der Regierungsräte? Hier liessen sich die beiden Herren noch nicht in die Karten blicken: Die Regierung werde im Herbst Stellung nehmen und alle Folgen darlegen, sagte Weber.

Wenn das Bruderholz zugeht, ist ein Engpass in Sicht,  meinte ein Votant. Weber hielt dagegen: Man prüfe intensiv, da gebe es Varianten, über welche die Regierungen im Herbst entscheiden. Engelberger seinerseits meinte, mit besserer Koordination zwischen Spital und Pflegeheim sei noch etliches zu holen. Insgesamt würden die Menschen auch im Alter gesünder, die Reha verkürze sich, es werde möglich, mehr Spitalleistungen anzubieten ohne zusätzlichen Bettenbau. „Wir sind optimistisch dass es nicht zu Engpässen kommen wird.“

Hingewiesen wurde auch auf die Verunsicherung unter dem Bruderholz-Personal angesichts der Pläne. Das Bruderholz bleibe ein  zentraler Standort in der Planung, aber jetzt mit der Idee einer Klinik für ambulante Eingriffe, sagte Weber. Für die Verunsicherung des Personals hat er Verständnis, aber in anderen Spitälern, selbst in den Verwaltungen, sei das heutzutage nicht unähnlich, „denn alles verändert sich“. Aber die Kompetenzen der Pflegefachleute werden weiterhin gefragt sein, vielleicht einfach anderswo. „Es braucht eine gewisse Flexibilität“.

Eine weitere Frage lautete: Wird es genügend Reha-Zentren geben, und wo gehen die Leute nach der ambulanten Behandlung hin? Es wird weiterhin nicht nur ambulant gehen, versicherte Engelberger. Es werde unter den Älteren immer stationäre Patienten geben, aber ihre Zahl werde in Zukunft eher abnehmen. Sodann trat Weber der Vermutung entgegen, das Spital Dornach könnte der „lachende Erbe“ der Spitalfusion beider Basel werden. Bei dem geplanten Ausbau Dornach handle es sich nicht um einen Quantensprung, man gehe von 80 auf etwa 86 Betten. Man sei im Gespräch auch mit dem SO-Gesundheitsdirektor. „Dornach ist also kein 'Gespenst' für uns.“

Zum Thema „Spezialisierung“ erläuterte Engelberger den Willen, wonach die  eigenen Spitäler  jedes einen eigenen Charakter und eine eigene Ausrichtung bekommen soll, denn kleinere Spitäler könnten auf die Länge nicht  mehr die ganze Bandbreite anbieten. Auch schweizweit sei  das der Trend, dito bei den Basler Privatspitälern.

Zweiklassenmedizin?

Im Zusammhang mit den Privatspitälern entspann sich eine lebhafte Diskussion: Die Grauen Panther kennen Fälle, da Privatspitäler Privatpatienten vorzogen und Allgemeinversicherte  warten liessen. Eine Votantin, die eine Knieoperation hinter sich hat, bekräftigte ausdrücklich: ein Arzt eines Privatspitals habe klar gesagt, man nehme zuerst die  Erstklasspatienten. Engelberger: Das dürfe nicht sein, der Leistungsauftrag verpflichte zur Gleichbehandlung. Dies führte zur Frage, ob eine Ombudsstelle für das fusionierte Spital geplant sei, die auch solche Fälle behandeln könnte. Engelberger verwies
auf die bestehende Spital-Ombudsstelle und die Spital-Beschwerdestelle in Basel. Ueber weitergehende Massnahmen werde man diskutieren, „ich nehme jedenfalls das Anliegen mit“. Inzwischen hat übrigens auch die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter Nordwestschweiz ihre Arbeit aufgenommen. Aber von mehreren Seiten im Publikum wurde unter Applaus betont, dass all diese Stellen viel zu wenig bekanntgemacht würden. Deshalb wird sich die Pantherpost im Herbst dieses Themas annehmen.

Wie wird denn die Zusammenarbeit  praktisch und rechtlich aussehen, wollte ein Votant wissen. Weber: Es gebe da verschiedene Möglichkeiten, im Herbst werde entschieden. (Dass die beiden Herren etliche Fragen auf diese Weise abtaten, war für uns zwar unbefriedigend, man muss aber in einer Phase des Verhandelns und Feilschens Verständnis dafür haben, dass die Regierungsräte nicht jetzt schon alles darlegen können).

Aber wo bleibt angesichts all der Verselbständigungen die demokratische Möglichkeit zum Eingreifen zum Beispiel für uns Graue Panther, fragte Remo Gysin.
Man kann Einfluss nehmen auf Regierungen, die ja die Versorgung sicherstellen muss, meinet Weber. Engelberger nannte als gutes Beispiel das Kinderspital beider Basel, das als Aufsicht  eine interparlamentarische Geschäftsprüfungskommission hat. Er räumte ein, dass dies andere Mechanismen sind als früher, als die betriebliche Autonomie der Spitäler noch weniger gross war.

Gesundheitszentrum

Ein weiteres wichtiges Thema bildete das Felix Platter-Spital. Den Grauen Panthern fehlt der übergeordnete Blick, wir möchten ein Gesundheitszentrum. Die Voraussetzungen und Infrastrukturen wären ideal. Ist es vorgesehen?

Engelberger sagte dazu klar: Ja, wir wollen etwas in dieser Richtung entwickeln, der Wille ist da. Es komme etwas darauf an, was man unter Gesundheitszentrum versteht. Ein Grundversorgungsangebot sei denkbar, da es ja immer weniger Hausärzte gibt.

Danach mussten die  vielbeschäftigten Magistraten weiter zum nächsten Termin: ins Kinderspital beider Basel.
Martin Matter

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