Um „kooperativ“ zu sein, braucht es oft nur wenig

Monatsversammlung vom 4.Januar 2016

Sibilla Marelli Simon ist Psychologin vornehmlich im Gesundheitsbereich, hat das Ortsnetz Rodersdorf mitbegründet und ist Mitglied von neustartschweiz.ch, einer Organisation, die sich für lebendige Nachbarschaften einsetzt. Wie gut sie Theorie und Praxis zu verknüpfen weiss, zeigte ihr anregender und eindringlicher Auftritt vor der stark besuchten ersten Monatsversammlung im neuen Jahr.

Kann und will ich im Alter neue Menschen kennenlernen und an meinem Leben teilnehmen lassen? Habe ich dafür Kraft, Fähigkeiten und Interesse? Wenn ja, wie fange ich es praktisch an? Und: was bedeutet denn eigentlich Eigenständigkeit, Autonomie?

Dies waren die Fragen, um die es ging.

Eigenständig sind wir, seit wir atmen und unseren Austausch mit der Welt selber organisieren, beginnt Sibilla Marelli. Mit Eigenständigkeits-Fragen haben wir permanent zu tun: immer wieder neu müssen wir im Laufe unseres Lebens herausfinden, was autonom heisst, zum Beispiel in der Pubertät. Was passt für mich, was ist das Besondere an mir, was ist meine Natur? Die Frage begleitet uns bis ins hohe Alter, nicht zuletzt beim Uebergang ins Rentenalter und seiner neuen Freiheit. „Autonomie macht uns sozusagen zu einem Original“. Autonomie ist Arbeit, sie will gestaltet werden. Bei uns Aelteren aber kann die Autonomie manchmal leicht gefährdet sein, wie Marelli an einer vielsagenden Szene zwischen einer herrischen Tochter und ihrer Mutter am Postschalter illustrierte. Als besonders gutes Beispiel zitierte die Referentin den Alpöhi im neuen Heidifilm: Er ist echt eigenständig, und er kümmert sich nicht darum, was die Leute sagen. Und er lässt Heidi selber entscheiden, obwohl die Leute tuscheln.

Kooperativ, nicht egoistisch

Bevor sie zur theoretischen Basis kam, lud Sibilla Marelli zu einer praktischen Uebung ein: Alle Anwesenden sollen an jemanden denken, dem sie sich verbunden fühlen. Sodann sollen wir überlegen, woran diese Person das merkt? Und schliesslich sollen wir jetzt genau das jemanden unter den Anwesenden erzählen, den wir nicht kennen. Gesagt, getan: Es entsteht reges Gemurmel im Saal. Es werden rege Gespräche geführt während mehrerer Minuten.

Danach erläuterte die Referentin etwas, das die meisten im Saal sicher zum ersten Mal hörten. Die moderne Neurobiologie* lehrt uns nämlich, dass die Menschen von Natur aus zur Kooperation neigen: Wir wollen gesehen, anerkannt, wahrgenommen werden, in Verbindung stehen. „Das ist ein Knüller“, sagt Sibilla Marelli zu dieser Erkenntnis, die im starkem Gegensatz steht zu früheren Theorien. Wenn ich weiss, dass alle andern Menschen kooperieren, wahrgenommen und wertgeschätzt werden möchten, kann sich vieles ändern. Wenn wir als Leitmotiv nehmen, dass wir alle empathiebegabt sind, können sich sogar unsere Gene verändern! Das ist nichts weniger als ein neues Menschenbild. „Umdenken und umlernen ist angesagt: Homo empathicus statt homo oeconomicus“.

Das ist recht und gut, aber was heisst das alles praktisch?

Die Referentin gab einige Tipps und Tricks, die sehr aufmerksam angehört wurden:

  • Betreiben Sie einfach Autonomietraining. „Benehmen Sie sich wie ein Original, nicht wie eine Kopie“. Muss ich all diesen Leuten gefallen? Will ich das oder jenes überhaupt, will ich nicht etwas anderes? Was ist das Risiko des anderen? Motto: Wir müssen nicht in jedem Moment unseres Daseins ausgewogen, ernsthaft, bedacht sein. Etwas Farbe tut vielleicht gut.
  • Hütet euch vor iAdW! D.h.vor irrationalen Annahmen mit disziplinierender Wirkung. Beispiel: Eine neue junge Familie mit drei Kindern ist neben uns eingezogen. Soll ich ihr mit einem Kuchen ein gutes Neues Jahr wünschen gehen? Vielleicht, aber…... bei denen ist doch immer viel Betrieb und so, die haben doch sicher genügend Süssigkeiten gehabt, was denken die dann, man will sich ja nicht aufdrängen. Und so fort. Effekt am Ende: 1:0 für iAdW.
  • halten Sie Freundschaft mit sich selber. Ist nichts für Anfänger, aber probieren Sie es.

Und was hat das alles nun mit Wohnen zu tun?

Warum nicht meine Bleibe einmal mit neuen Augen betrachten? Welcher Teil meines Hauses oder Wohnung ist für mich das Schneckenhaus, das Intimste? Vielleicht merke ich dann zum Beispiel: die Küche müsste nicht unbedingt so privat sein. Marellis Grossmutter lud donnerstags immer Freundinnen ein, das machte ihr als Kind grossen Eindruck. Oder: Muss mein Wohnzimmer immer perfekt sein, bevor ich jemanden zum Hereinkommen einlade? Was sagt unser Eingang über uns aus? Liessen sich in unserer Strasse Rabatten anlegen? Weiterdenken, wie Verbundenheit gefördert werden kann. „Es braucht oft gar nicht viel, damit etwas anders wird.“ Beispiel: Ein Kleber am Nachbarbriefkasten sagt, dass jemand eine Bohrmaschine zum Ausleihen hat. (Dergleichen ist zu finden auf pumpipumpe.ch.)

Und die Referentin schloss unter Applaus: Eigenständig und verbunden sein lädt ein zu engagierter Aktivität in diesem Sinne. Das heisst aber nicht, dass Sie das, was Sie anschieben, auf ewig selber machen müssen. Viele Menschen scheuen sich vor so einem Engagement, weil sie eine Verpflichtung fürchten. In der kurzen Diskussion wurden eigene Erfahrungen erzählt, etwa über spontane Treffs in einem Basler Quartier, oder über eine Siedlung in Zwingen, wo die alten Leute gut füreinander schauen, obwohl die Siedlung nicht offiziell betreut wird.

*Literaturbeispiel: Joachim Bauer, Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus. Hoffmann & Campe, 2008

Martin Matter