Monatsveranstaltung vom 2. März 2015

 "Lieber einmal zu viel fragen als einmal zu wenig"

Häusliche Gewalt: Ein schwieriges Thema, ja ein Tabu-Thema, sagte Co-Präsident Hanspeter Meier, der es aus der Arbeit seiner Tochter mit einschlägigen Institutionen "ungefiltert" kennt. Ein zu sperriges Thema auch für die Grauen Panther, oder lag es nur am Wetter und der Grippe, dass diesmal recht viele Stühle im QuBa leer blieben?

Unsere Referentin des Tages war Christine von Salis, Leiterin der Baselbieter Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Die Fachstelle betreibt Weiterbildung und Info-Veranstaltungen für alle Berufsbereiche bei Polizei, Aerzten etc., die mit dem Thema befasst sind, sie arbeitet eng zusammen mit Frauenhaus, Opferhilfe und vielen anderen involvierten  Stellen. Von Salis stellte klar, dass der Großteil der Täter Männer sind (80%), aber es eine wachsende Minderheit von gewalttätigen Frauen gibt.

Sich beraten lassen

Die Referentin ließ sich immer wieder von direkten Fragen aus unserem Kreise leiten. Beispiel: Ein Großvater ohrfeigt öffentlich seinen Enkel. Ist das bei uns verboten, und was kann/ sollte ich tun? Antwort: so eindeutig verboten ist das nicht. Am besten das Gespräch mit diesem Großvater suchen, evtl der neuen Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb)  Meldung machen, oder die Kinder - und Jugendschutzbehörde kontaktieren und sich vorerst einmal beraten lassen. Generell rät Von Salis: " Sofort 'dreinschiessen' ist meistens nicht sinnvoll, man sollte sich lieber Zeit nehmen und sich zuerst beraten lassen,  bevor man interveniert."

Je nach Alter sind die Gewalt-Hintergründe und Muster anders, erläuterte Frau von Salis.
- Unter Jugendlichen gibt es oft Gewalt wegen Einfersucht, Handys etc. Man müsse feststellen, dass viele Jugendliche nicht in der Lage sind, ihre Konflikte ruhig und gewaltfrei auszutragen.
- nächste Altersstufe ab 25 bis 60: Hier sind es oft finanzielle Gründe, Überforderung durch Kinder, Gesundheitsprobleme, Arbeitslosigkeit etc., die zu Gewalt führen können.
- Bei der Generation 60+ gibt es oft einen anderen Hintergrund: totale Überforderung und Hilflosigkeit angesichts der Pflegebedürftigkeit (Demenz) des Partners bzw.der Partnerin. Da kann es zu Gewaltformen kommen wie Festbinden des Pflegebedürftigen am Bett, damit man einmal die Nacht ungestört durchschlafen kann. Hier kann Beobachten und Ansprechen als erstes sinnvoll sein. Vorausgesetzt man erfährt überhaupt etwas davon! Denn es gibt ohne Zweifel eine enorme Dunkelziffer. Wenn man doch etwas erfährt, sollte man nicht schweigen. In diesem Zusammenhang forderte Angeline Fankhauser eine klare Kursänderung: mehr Hilfe, Unterstützung und soziale Zuneigung, damit Hilflosigkeit nicht zu Gewalt führt, und weniger Justiz und Bürokratie.

Behutsam vorgehen

Generell rät Christine von Salis angesichts der verbreiteten Scheu davor, sich bei Anzeichen von Gewaltanwendung in die Privatsphäre anderer einzumischen: ganz behutsam fragen, Hilfe anbieten. Vielleicht kann sich der/ die Angesprochene dann öffnen, vielleicht ist die Reaktion aber auch Entrüstung. Regel: "Lieber einmal zu viel fragen als einmal zu wenig." Und: Sich beraten lassen und wissen: bei der Opferhilfe z.B.passiert nichts ohne Einverständnis des Opfers.

Nicht selten gehen Opfer trotz allem zurück in die zerstörerischen Beziehungen, nach Monaten Frauenhaus. Oft haben sie allerdings keine Wahl, erläutert Frau von Salis: kein Selbstvertrauen, kein Geld, Angst vor der Trennung, Sorge um die Kinder, ein Funken Hoffnung,  dass er es künftig nie mehr tun wird...., oft auch Schuldsuche bei sich selber (Schuldverschiebung). Auch dafür müsse man Verständnis haben.

Kurse für Täter
Wie erreichen wir Täter? Es gibt z.B. Kurse bzw. Lernprogramme gegen häusliche Gewalt. Aber Zwang ist kaum möglich. Und der  Erfolg bleibt unsicher. Aber als Kursleiterin erlebt Christine von Salis immer wieder Männer, die sich stark verändert haben -- aber auch andere, bei denen sie genau weiß: die fangen bald wieder von vorne an.

Fragwürdige Meldepflicht für Ärzte

Ein besonders Thema an der Monatsversammlung war die umstrittene Revision des Baselbieter Gesundheitsgesetzes, das die Ärzte verpflichten will, z.B. bei schwerer Körperverletzung sofort Meldung an die Strafverfolgungsbehörden zu machen. Christine von Salis macht kein Hehl aus ihrer Opposition: Diese Pflicht sei nicht sinnvoll, denn die Opfer wollen nicht unbedingt sofort ein Strafverfahren, sondern, dass die Gewalt aufhört. Ärzte und Spitäler sind oft die erste Anlaufstelle überhaupt, und auch danach herrscht oft große Scheu vor Strafverfahren. Die Gefahr besteht,  dass Opfer nichts mehr sagen, wenn sie wissen,  dass Meldepflicht besteht. Deshalb stellt sich auch die Ärzteschaft absolut dagegen. Empörend ist der Umstand, dass die Fachstelle und Frau von Salis nicht im geringsten begrüßt  wurden bei dieser Revision, im Gegenteil musste sie aus der Zeitung davon erfahren und wird jetzt noch Stellung nehmen. Es bestehe keine Notwendigkeit einer Gesetzesänderung, betonte die Referentin, die heutige Praxis funktioniere nämlich gut: Meldungen gibt es heute schon, die Ärzte sind verantwortungsvoll, sie müssen sich jeweils von der Schweigepflicht entbinden lassen, was aber eine einfache Geschichte sei.
Der Entscheid über die Revision liegt jetzt beim Landrat. MM

  • C.von Salis

Fotos und Text: M. Matter