Berner Zeitung; 15.04.2016; Seite 14bo


FAMILIENLEBEN ZUKUNFTSSZENARIO

So lebt es sich mit bedingungslosem Grundeinkommen
Wenn jeder ein bedingungsloses Grundeinkommen von 2500 Franken im Monat hätte, wie würde sich das auf sein Leben auswirken? Wir wagen den Versuch und entwerfen ein mögliches Szenario für eine fiktive Familie. Ihr Alltag ist nicht einfacher als heute, aber in schwierigen Zeiten hat die Familie mehr Freiheiten und neue Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten.
Hinter der Initiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» steht eine Vision: Das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) soll die Voraussetzungen dazu schaffen, unsere Lebensqualität zu steigern. Laut den Ökonomen und Initianten Christian Müller und Daniel Straub haben wir «unsere Wirtschaft zu unglaublicher Produktivität gebracht, doch sind wir nicht in der Lage, diesen Erfolg adäquat in Lebensqualität umzuwandeln». Die Initianten werfen deshalb die Frage auf: Wie kommen wir von einem bequemen Leben im Wohlstand zu einem guten Leben im Wohlstand?
Das BGE könnte durch die Lockerung der Kopplung von Arbeit und Einkommen jedem den Freiraum geben, sich ein Stück weit aus dem Hamsterrad zu befreien und regelmässig den Status quo im Leben zu hinterfragen. Es würde laut den Initianten «ein zeitgemässes System schaffen, in dem wir agiler auf neue Gegebenheiten und Umbrüche reagieren können».
Wie könnte das konkret aussehen? Wir spielen die Vision der Initianten am Beispiel einer fiktiven Familie durch und zeigen auf, welche Möglichkeiten sie im Laufe des Lebens dank einem bedingungslosen Grundeinkommen hätte, die ihr heute nicht so einfach zur Verfügung stehen. Das BGE für Erwachsene beträgt in unserem Beispiel 2500 Franken, für Kinder 600 Franken.
Das Jahr 2020: Hurra, das erste Kind ist da!
Vor einem Jahr haben Mark und Susanne geheiratet. Er ist 25 und Koch in einem Quartierrestaurant. Sie ist 27 und arbeitet bei der kantonalen Verwaltung als Steuerexpertin. Beide arbeiten 100 Prozent und leisten sich mit ihrem gemeinsamen Einkommen von rund 11 000 Franken im Monat eine hübsche Dreizimmerwohnung und einmal pro Jahr eine ausgedehnte Reise. Doch vor kurzem ist Susanne schwanger geworden, obwohl das Paar mit der Familiengründung eigentlich noch warten wollte, bis es ein kleines finanzielles Polster auf der Seite hat.
Was nun? Susanne möchte ihr Pensum nach der Geburt auf 60 Prozent reduzieren. Steuertechnisch macht es zwar wenig Sinn, aber für sie ist es wichtig, weiterhin zu arbeiten. Denn Susanne mag ihren Job. Und es gibt noch einen wichtigen Grund: Dank dem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) hat sie als Teilzeitschaffende einen finanziellen Vorteil im Vergleich zu heute. Denn das BGE bleibt immer gleich hoch, auch wenn man das Arbeitspensum reduziert. Die 60 Prozent werden «nur» von Susannes Lohn berechnet, und dieser beträgt 3500 Franken. Das macht 2100 Franken (siehe Grafik links). Mit dem BGE kommt Susanne also auf 4600 Franken Einkommen bei 60 Prozent. Ohne BGE würde Susanne 60 Prozent ihres bisherigen Einkommens von 6000 Franken verdienen, also 3600 Franken im Monat. Mit dem BGE erhält sie satte 1000 Franken mehr. Und da die Tochter von Geburt an ebenfalls ein BGE von 600 Franken im Monat erhält, kommt die Familie auf über 10 000 Franken im Monat.
3 Jahre später: Er ist arbeitslos, sie wieder schwanger
Tochter Mira ist inzwischen drei Jahre alt. Das zweite Kind von Mark und Susanne ist unterwegs. Allerdings ist die Jobsituation von Mark alles andere als rosig – das Restaurant, in dem er Koch ist, kämpft ums Überleben. Ausserdem belastet es die Beziehung, dass sich das Ehepaar wegen Marks Einsatzzeiten am Abend und am Wochenende kaum noch zu Gesicht bekommt. Susanne fühlt sich am Wochenende mit der Tochter alleingelassen und als Partnerin vernachlässigt.
Beiden ist klar: Es kann so nicht weitergehen. Und als Mark kurz nach der Geburt seines Sohnes Sascha tatsächlich den Job verliert, ist die Zeit zum Handeln reif. Die Familie entscheidet sich für einen Weg, den sie ohne bedingungsloses Grundeinkommen aus finanziellen Gründen kaum in Betracht gezogen hätte. Mark sucht erst einmal keinen neuen Job. Er meldet sich auch nicht beim RAV an. Er bleibt zu Hause bei den Kindern. Mark erspart sich damit den für ihn demütigenden Weg aufs RAV und den ständigen Druck, sich neben der Kinderbetreuung und dem Haushalt mehrmals im Monat bewerben zu müssen.
Susanne sucht sich eine 100-Prozent-Stelle, weil sie mit ihrer Qualifikation mehr als Mark verdienen kann. Bei der Steuerverwaltung bewirbt sie sich für eine Kaderstelle – und bekommt sie. Ab jetzt führt sie ein kleines Team und erhält eine Lohnerhöhung von 1000 Franken im Monat. Obwohl nun lediglich Susanne erwerbstätig ist, hat die Familie dank dem BGE gleich viel Geld zur Verfügung wie damals, als Mark und Susanne beide noch 100 Prozent gearbeitet haben. Denn anders als heute erhält Mark für seine Arbeit im Haushalt und für die Verantwortung bei der Kindererziehung jeden Monat 2500 Franken bedingungsloses Grundeinkommen. Und auch die beiden Kinder bekommen ein BGE von je 600 Franken im Monat.
Allerdings merkt Mark bald, dass ihm die Kindererziehung zwar Spass macht, dass ihm aber die Arbeit fehlt. Zum Glück braucht ein guter Freund Hilfe in der Restaurantküche. Die Sache hat nur einen Haken: Der Freund kann sich eine weitere Arbeitskraft nicht leisten. Dank dem bedingungslosen Grundeinkommen kommt dennoch eine Winwin-Lösung zustande: Da Mark dank seinem BGE nicht unbedingt auf mehr Geld angewiesen ist, hilft er seinem Freund sporadisch unentgeltlich aus. Er ist froh, kommt er am Abend wieder «raus», und manchmal gibt ihm sein Freund sogar ein Trinkgeld.
Und da ist noch was: Mark hat eine Geschäftsidee, die er schon länger mit sich herumträgt. Mit seinem gastronomischen Knowhow möchte er ein veganes Catering aufbauen. Allerdings fehlt ihm der betriebswirtschaftliche Hintergrund.
10 Jahre später: Er hat ein veganes Catering, sie ein Burnout
Mark ist happy. Er hat sich mit seiner Idee des veganen Caterings selbstständig gemacht. Wie es dazu kam? Ein alter Schulfreund, der bei einer Bank Kundenberater war, verlor seinen Job. Die Bank hat einige Vermögensberater entlassen und durch intelligente Software ersetzt – eine Tendenz, die auf dem Arbeitsmarkt immer mehr zu spüren ist. Kurzum: Mark und sein Schulfreund, ein Betriebswirt, spannten zusammen. Das Catering stiess auch bei zwei älteren Damen im Quartier auf Interesse. Statt einsam zu Hause zu sitzen, packten sie lieber bei der Zubereitung des Cateringangebots mit an.
Der gut bezahlte Job seiner Frau und das bedingungslose Grundeinkommen erleichtern Mark den Weg in die Selbstständigkeit: Er kann sich mit dem Cateringaufbau Zeit lassen. Neben dem Engagement, das er in die Geschäftsentwicklung steckt, bleibt noch Zeit und Energie für die Familie. Und auch, als im fünften Jahr die Geschäfte schlecht laufen und Mark so gut wie nichts verdient, übersteht die Familie diese Zeit weitgehend ohne Existenzängste.
Susanne hat hingegen weniger Glück. Ihre Sandwichposition als mittleres Kader entpuppt sich nach den ersten drei Jahren primär als aufreibend. Mit ihrem neuen Chef kommt Susanne überhaupt nicht klar. Zudem plagt sie das schlechte Gewissen, bei ihrem 100-Prozent-Job nie genug Zeit für die Kinder zu haben. Gleichzeitig hat sie Angst, ihr Pensum zu reduzieren. Dieselbe Arbeit in weniger Zeit erledigen zu müssen, würde sie endgültig überfordern.
Während Mark in seiner Selbstständigkeit immer mehr aufblüht, brennt Susanne immer mehr aus. Klar, leidet auch die Ehe wieder darunter. Susanne braucht dringend eine Auszeit, vom Job und von Mark – und das bedingungslose Grundeinkommen eröffnet ihr diese Möglichkeit. Susanne kündigt ihren Job und verabschiedet sich für drei Monate von der Familie. Mit ihren 2500 Franken BGE im Monat mietet sie ein Zimmer in den Bergen und kommt für ihre Lebenskosten auf. In der Abgeschiedenheit hat sie endlich Zeit und Ruhe, wieder zu sich zu finden.
21 Jahre später: Nochmals die Kurve gekriegt. Aber was wird aus den Kindern?
Zurück im Familienleben geht Susanne die Dinge sachte an: Sie holt die «verpasste» Zeit mit den Kindern nach, organisiert den Mittagstisch im Quartier und bietet Aufgabenhilfe an. Als ihr Vater kurz vor seinem Tod pflegebedürftig wird, beschliesst Susanne, sich um ihn zu kümmern. Ihrer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung tut die letzte gemeinsame Zeit sehr gut. Auch wenn Susanne für ihren Einsatz für die Gemeinschaft keinen Lohn bekommt, findet sie in dieser Beschäftigung mehr Befriedigung und Sinnhaftigkeit als im früheren Job. Das bedingungslose Grundeinkommen bedeutet für sie die finanzielle Anerkennung für ihr freiwilliges Engagement.
Doch kaum fühlt sich Susannes Leben wieder stabil an, kommen die ersten Sorgen wegen der Ausbildung der Kinder. Tochter Mira bringt nach dem Gymnasium Praktika als Kinderpädagogin, Eventmanagerin und Webdesignerin hinter sich, doch keines gefällt ihr wirklich. Also geht sie für drei Monate auf Reisen. Sohn Sascha ist hingegen schon als Kind vom Business seines Vaters angetan. Für ihn ist klar, dass er eine Hotelfachschule besuchen will. Und dass er einen Teil seiner Ausbildung am liebsten in Japan absolvieren würde – vegane Sushi sind gerade im Trend. Nach längerem Hin und Her ringt sich auch Mira durch und beschliesst, Medizin zu studieren.
Während der Selbstfindungsphase ihrer Kinder können Mark und Susanne relativ cool bleiben. Wieso? Ihre Kinder haben dank dem bedingungslosen Grundeinkommen eigene finanzielle Mittel, diverse Dinge auszuprobieren, ohne dass die Eltern dafür tief in die Tasche greifen müssen. Allerdings gibt es am Familientisch mühsame Diskussionen darüber, ab wann und wie weit die Kinder selbst über ihr BGE verfügen dürfen, zumal beide mit 18 Jahren 2500 Franken im Monat erhalten. Die Kompromisslösung: Sascha finanziert sich damit einen grossen Teil seines Japan-Aufenthalts, die Eltern bezahlen lediglich die Schulkosten. Mira darf einen Teil fürs Reisen ausgeben, den Rest spart sie, sodass sie mit 20 in eine WG ziehen und vor allem ihr Studium von den Eltern finanziell unabhängig absolvieren kann.
Gesagt, getan: Mira ist seit einem Jahr aus dem Haus und finanziert sich so gut wie selbst, Sascha will nach seinem Japan-Aufenthalt mit Kollegen zusammenziehen. Mark und Susanne haben ohne das BGE ihrer Kinder rund 10 000 Franken Einkommen im Monat. Das reicht, um den Lebensstandard halten und den Kindern ab und zu einen finanziellen Zustupf geben zu können. Wenn Marks Catering weiter gut läuft, werden sie sich vielleicht bald wieder grosse Reisen leisten können, wie damals, als sie jung und kinderlos waren.
Lucie Machac
ABSTIMMUNG 5. Juni
Gesamteinkommen: 10200 Franken im Monat
Gesamteinkommen: 10 700 Franken im Monat
Gesamteinkommen: 14 000 Franken im Monat
Gesamteinkommen: 15 000 Franken im Monat
Lesebeispiel:
Neu setzt sich das Einkommen der Eltern aus dem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) und dem Lohn für ihre Erwerbstätigkeit zusammen. Der Lohn wird um den Betrag des BGE sinken. Im Schnitt bleibt das Monatseinkommen der Eltern gleich hoch wie heute.

Das Neuste

Monatsversammlung vom 7. Januar 2019: Die Spitalfusion scheidet (auch) die GP-Geister

Es ist eine aussergewöhnliche Situation für die Grauen Panther.
Denn es kommt kaum jemals vor, dass sich selbst die GP-Geschäftsleitung bei einer enorm wichtigen Vorlage uneins ist und beide Diskussionsteilnehmer Pro und Contra diesmal bekannte Graue Panther sind. Diese Übungsanlage war das Ergebnis einer intensiven Diskussion innerhalb der GL, im Wissen um die Brisanz des Themas. Dass Moderator und Co-Präsident Hanspeter Meier vor den eng besetzten Reihen im QuBa von einer «heissen Diskussion» sprach, war keineswegs übertrieben. Von Anfang an war die Spannung im Saal mit Händen zu greifen, die Diskussion verlief intensiv bis hitzig, und es fielen auch mal ein paar rhetorische Späne. Es gehört indessen zu den Grundsätzen der Grauen Panther, nötigenfalls auch einmal die Zähne zu zeigen… Ungewöhnlich war auch die starke Präsenz von amtierenden wie ehemaligen Nationalrätinnen pro und contra, aber alle mit dem SP-Ausweis; auch der grüne Ex-Regierungspräsident Guy Morin (pro) liess sich die Teilnahme an der Diskussion nicht nehmen. Denn alle die erwähnten Politiker und Politikerinnen sind GP-Mitglieder.

Die Eckwerte des Projekts
Zu Beginn stellte SP-Grossrätin Sarah Wyss, Präsidentin der Gesundheits- und Sozialkommission des Grossen Rates, die beiden Fusions-Vorlagen vom 10.Februar in allen wichtigen Punkten vor.
Es geht bei dem Vorhaben um die Planung des ambulanten Bereichs, die gemeinsame Planung des stationären Bereichs, wobei neu eine Fachkommission für Bedarfsermittlung geschaffen wird. Die hohe Betten- und Aerztedichte in der Region und das unbestrittene Überangebot machten die gemeinsame Planung dringend notwendig, betonte Sarah Wyss. Beide Parlamente haben sich deutlich für das Vorhaben ausgesprochen.

Die Ziele lauten: Optimierung der Versorgung, Dämpfung des  Kostenwachstums, längerfristige Sicherung der Universitätsklinik. Der Weg dazu führt gemäss Vorlage über eine Fusion der beiden kantonalen Spitäler in Form einer öffentlich-rechtlichen AG, Leistungen wären zu bündeln, es wird nicht mehr überall alles angeboten, Sondern Dienste werden fokussiert. Zentral:  In Basel bleibt der maximale bzw. in Liestal ein umfassender Grundversorger. Das Personal wird neu privatrechtlich angestellt, aber mit GAV-Pflicht (die entsprechenden Verhandlungen der Sozialpartner sind noch im Gang).

An Investitionen sind 3,2 Mrd. vorgesehen, an Einsparungen sollte das Projekt etwa 70 Mio pro Jahr bringen, vorab durch den Abbau von Akutbetten auf dem Bruderholz, wo ein Zentrum für ambulante Eingriffe entstehen soll. 66,6% des Kapitals der AG bringt BS ein, mindestens 33,4% BL, aber mit paritätischem Stimmrecht. BS und BL müssen 2/3 der Stimmen und des Kapitals halten. 28 Mio. für Lehre und Forschung  wären allein durch BS zu tragen.
Was die Versorgung der älteren Bevölkerung betrifft, sind neu 15 akutgeriatrische Betten in Liestal vorgesehen; Hauptträger bleiben  das Felix Platter Spital (FPS), Adullam, Bethesda, im übrigen auch die Akutspitäler.
Soweit die Darstellung des Projekts. Dass Sarah Wyss persönlich gegen die Fusion ist, äusserte sie wie abgemacht erst später in der Diskussion.  

Pro...
Ein nüchterner Durchblick sei schwierig, es werde auch oft polemisiert in der seit langem andauernden Debatte, meinte Moderator Meier danach. Er sollte recht behalten. Auf dem Podium kreuzten Co-Präsident Remo Gysin (contra) und GP-Mitglied Martin Brodbeck (pro), guter Kenner der regionalen Gesundheitsszene und Mitverfasser der GP-Vernehmlassung zum Fusionsprojekt, die Klingen.
Brodbeck ist alles in allem klarer Befürworter, wenn auch mit etlichen Vorbehalten. Es gebe hellgraue und graue Zonen in dem Projekt, aber kaum weisse. Seine fünf Hauptgründe lauten:
- das Unispital BS ist das kleinste der Schweiz. Es würde durch die Fusion mittelgross. Längerfristig sichert das Zusammengehen die nötigen Fallzahlen, um in hochspezialisierter Medizin aktiv zu bleiben.
- die hohe Investitionen können die beiden Spitäler jedes für sich allein nicht stemmen. Durch Beseitigung von Doppelspurigkeiten können sie im Prinzip die eigenen Investitionen finanzieren, so wie das Gesetz es neu vorschreibt.
- der Betrieb der Spitäler muss so wirtschaftlich sein, dass sie sich die Kosten leisten können.
- die Fusion ist absolut zentral für den Fortbestand der medizinischen Fakultät. Auch die Pharmaindustrie ist daran interessiert.
- die Patienten unserer Region haben auch in Zukunft ein umfassendes Angebot und müssen nicht nach Bern oder Zürich fahren für bestimmte Behandlungen und Eingriffe.

… und Contra
Auch für Remo Gysin bildet das Projekt auf ersten Blick «ein Aha-Erlebnis», die Ziele unterstützen auch die Gegner. Der zweite Blick hingegen wirke sehr ernüchternd. Seine These:  Es wird leider so nicht gehen.
Zum ersten sei unvefständlich, dass das FPS und Claraspital nicht mit dabei sind in der Fusion. Das Clara und das Unispital haben jetzt einen Vertrag abgeschlossen: «Verträge – das ist der Weg, den wir Gegner wollen». Besonders stechen Remo Gysin die unterschiedlichen Lagen der beiden Kantonsspitäler in die Nase: Das Unispital macht eine kleinen Gewinn, die Patientenzahlen nehmen zu. In BL ist es genau umgekehrt: Das KSBL verliert viele Patienten vorab nach Basel, Personal und Ärzte laufen davon, «es herrschen marode Verhältnisse.» Ein gesunder Partner plus marode Spitäler heisse aber: Der Starke wird heruntergezogen, «das ist ein Schlüsselpunkt». Das Unispital werde auf Jahre hinaus gelähmt, weil dauernd mit sich selber beschäftigt. Das Bruderholz wird laut Gysin nicht gebraucht. Prognosen auf so lange Fristen seien unmöglich. «Die Fakten stimmen nicht, das Projekt ist nicht finanzierbar». Für BL allein sei es eindeutig nicht finanzierbar, und genau dies bilde die entscheidende Triebfeder der BL-Regierung für das Projekt.
Remos Fazit:  Zuviele Unsicherheiten und Spekulationen. Das Risiko ist zu gross, Private stehen bereit, falls es nicht klappt.  Der Vertrag ist schlecht verhandelt von der BS-Regierung. Die demokratische Mitbestimmung nach der Fusion ist ungenügend.

Was ist mit der Akutgeriatrie?
Nicht zuletzt aufgrund der ziemlich lauten Kritik der Grauen Panther an den dürftigen Aussagen zur geriatrischen Versorgung haben die beiden Regierungen dieses zentrale Thema konkretisiert (siehe neue Pantherpost): Die Bettenzahl in der Akutgeriatrie bleibt in etwa konstant. Senioren aus BL müssen neu vorab nach Basel pilgern, das Oberbaselbiet erhält neu 15 Betten in Liestal. Martin Brodbeck meinte dazu, dass die  Unterbaselbieter zwar das Bruderholz als Grundversorger verlieren, aber das FPS hält er für BL-Patienten für tragbar. Dafür gebe es neu ein Ambulatorium Bruderholz mit Nachfolgebetreuung und Reha ähnlich wie im Merian Iselin. «Das ist ein Komfortgewinn für rüstige Senioren».

Für Remo Gysin hingegen ist der Trend zum Ambulanten für ältere Menschen problematisch. Andere Länder wie Holland,  die hier weit voran sind, besitzen viel besser ausgeprägte Nachfolgebetreuungen als wir. Dazu sind 400 Stellenabbau geplant. Das gebe  mehr Stress. Der Abbau sei massvoll und gestaffelt, konterte Brodbeck. Aber die Nachsorge BL müsse wirklich verbessert werden. Er  finde diesen Teil des Projekts sehr gut.

Das FPS ist dafür
Guy Morin wies darauf hin, dass der Verwaltungsrat des FPS dezidiert für die Fusion einstehe, dito Chefarzt Kressig. Die Versorgung der Betagten werde nicht verschlechtert. Das FPS sei angewiesen auf die Unterbaselbieter Patienten. «Die Verlagerung von stationär zu ambulant ist sinnvoll und spart Kosten».
Angeline Fankhauser findet die Ziele gut, zweifelt aber an der Ausführung. Die BL-Regierung verspreche seit Jahren die ganze Behandlungskette, ohne dass viel geschieht. Die Situation zwischen den drei fusionierten BL-Spitälern sei schon kompliziert genug. Deshalb werde sie Nein stimmen.
Ganz anders wiederum Susanne Leutenegger Oberholzer:  Sie ist überzeugt, dass die Fusion nötig ist. Bei einem Nein werde Lage der BL-Spitäler auch nicht besser. Die Vorlage sei «nicht perfekt, aber die einzige Option für die Zukunft.»

Bei der Frage der Aktiengesellschaft lieferten sich die beiden Podiums-Panther einen Schlagabtausch.  Für Remo Gysin bildet diese AG «einen enormen Schritt Richtung Privatisierung». Das  schade dem Personal und Bevölkerung. Die Privatsierungsthese bezeichnete Martin Brodbeck unverblümt als «polemisch» und « bizarr»:  Da würden Gespenster an die Wand gemalt.

Was geschieht bei einem Nein?
Natürlich fragte Moderator Meier für den Fall eines Neins nach Alternativen, von denen er  bisher eher wenig  vernommen habe.  Die gemeinsame Planung sei neu, ein grosser Schritt und eine super Voraussetzung für die Planung, betonte Remo Gysin. Seine Vorstellung:  Auf die geplante AG verzichten, auf das Bruderholz-Projekt verzichten, das FPS einbeziehen. Ein Spitalverbund anstelle der Fusion löse Probleme, bringe Synergien (z.B. gemeinsames Einkaufen, gemeinsame Technik etc.). Ein Nein schaffe Raum für bessere Lösungen.Und jeder Kanton müsse seine - selber eingebrockten - Probleme selber lösen.
Martin Brodbeck widersprach vehement auch Gysins Aussage, die BL-Spitäler seien marode;  sie wurden laufend nachgebessert und seien absolut okay. «Kein Weg führt an der Fusion vorbei, wenn man die Kraft der öffentlichen Spitäler erhalten will». Für Brodbeck ist das Nein der Basler Linken «nebulös». Nicht so das Nein der Baselbieter Bürgerlichen, die sich schön stillhalten und auf ein Nein warten, um dann mit ihren Privatisierungsplänen zu kommen. Eine der grossen privaten Ketten könnte anklopfen, so wie die Hirslanden-Gruppe es schon früher beim Bruderholz versuchte. Dem wiederum widersprach Remo Gysin: Die Privatisierung in BL sei vom Tisch, da viel zu teuer.
Kurzfristig passiere nach einem Nein nichts, aber bei gutem Willen könne man reagieren, ist Remo Gysin überzeugt. Die Handlungsfähigkeit bleibe bestehen.

So hätte es noch stundenlang weiter hin und her wogen können. Aber bei den Grauen Panthern ist in der Regel nach anderthalb Stunden Schluss. Das zahlreich erschienene Publikum quittierte die Schluss-Ankündigung sichtlich erleichtert mit Applaus. Die Kontroverse ging in kleinen Gruppen weiter.

Martin Matter