St. Galler Tagblatt; 04.05.2016; Seite 7hb

Lohn für alle spaltet Frauen

Feministische Kreise sind sich beim Grundeinkommen nicht einig. Für die einen ist es eine Geste der Wertschätzung für unbezahlte Arbeit, die oft Frauen machen – für andere gefährlich.

DOMINIC WIRTH

Sie wollten vor allem erreichen, dass man über ihre Utopie spricht: Das betonen die Initianten eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) immer wieder. Man kann sich darüber streiten, ob das Einreichen einer Volksinitiative dafür das richtige Mittel ist. Doch eines steht fest: Es wird gesprochen über das BGE. Und weil das so ist und das Anliegen so vieles so grundlegend verändern würde, wuchern die Argumente wie wild. Und auch Kreise, die sonst meist an einem Strick ziehen, sind sich dieses Mal kein bisschen einig. Das gilt etwa für die SP, die bei der Frage mehr oder weniger gespalten ist. Und das gilt auch für die Feministinnen.
401 Milliarden Franken pro Jahr
Linke Befürworterinnen des BGE, die Nationalrätinnen Jacqueline Badran (SP/ZH) und Silvia Schenker (SP/BS) etwa oder die Ständerätin Anita Fetz (SP/BS), argumentieren stets auch mit der unbezahlten Arbeit. 401 Milliarden Franken, das hat das Bundesamt für Statistik ausgerechnet, war diese Arbeit im Jahr 2013 wert. 62 Prozent davon – es geht vor allem um Hausarbeit, um Betreuungsaufgaben und zu einem kleineren Teil auch um Freiwilligenarbeit – wurden von Frauen geleistet. Mit 8,7 Milliarden Stunden liegt die unbezahlte Arbeit sogar vor der bezahlten; für sie wurde im Jahr 2013 in der Schweiz 14 Prozent weniger Zeit aufgewendet. «Das Grundeinkommen wäre eine Form der gesellschaftlichen Anerkennung für diese unbezahlte Arbeit», sagt Silvia Schenker – eine Position, die auch Politikerinnen wie Badran oder Fetz vertreten.
Allerdings ist das eine Haltung, die bei weitem nicht alle Frauen teilen. Viele befürchten im Gegenteil, dass das BGE – zuweilen von Gegnerinnen auch sarkastisch als «Herdprämie» bezeichnet – die Gleichstellungsbemühungen der vergangenen Jahrzehnte zunichte machen würde. «Das Grundeinkommen wäre ein Rückschritt auf diesem Weg», sagt etwa Kathrin Bertschy, GLP-Nationalrätin und Co-Präsidentin von Alliance F, dem Bund der Schweizerischen Frauenorganisationen. «Ich will nicht, dass Frauen dafür entschädigt werden, zu Hause zu bleiben», sagt die Bernerin, die sogar im Komitee gegen das Grundeinkommen mittut. Sie befürchtet zwei Effekte: Dass mit einem Grundeinkommen zum einen für Frauen der Anreiz sinkt, eine bezahlte Arbeit zu suchen. Und dass zum anderen auch für Paare der Anreiz sinkt, sich um eine gute Aufteilung der Betreuungsarbeit zu kümmern. «Frauen würde dann wieder öfter die Rolle des Backups zukommen, während die Männer mit gutem Gewissen Karriere machen», sagt Bertschy.
«Ziemlich paternalistisch»
Bei Ina Praetorius kommt dieses Argument gar nicht gut an. Die Autorin und feministische Theologin lebt in Wattwil und ist eine von drei Frauen im achtköpfigen Initiativkomitee des Grundeinkommens. «Das ist ziemlich paternalistisch gedacht», sagt Praetorius, «denn man traut Frauen nicht zu, mit dem Grundeinkommen ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten – sondern geht davon aus, dass sie sich widerstandslos an den Herd zurückschicken lassen. Ich finde das fragwürdig, weil es Frauen den freien Willen abspricht.»
Gefährliche Debatte
Die Debatte unter Feministinnen zeigt: Das Grundeinkommen ist ein heisses Eisen, und wenn es als Gefahr für die Gleichstellung betrachtet wird, ist das für die Initianten verheerend. Dessen sind sich diese bewusst. Denn die Initianten sprechen zwar oft und gerne über ihr Anliegen. Und sie brauchen angesichts der Umfragewerte – laut der jüngsten Zahlen wollen 72 Prozent ein Nein einlegen – bis am 5. Juni nicht weniger als ein Wunder. Doch ein Argument hört man von ihnen – von Praetorius abgesehen – trotz aller Not nur selten: Das von der unbezahlten Arbeit, die plötzlich nicht mehr unbezahlt wäre.
Kathrin Bertschy Nationalrätin GLP/BE Co-Präsidentin Alliance F
Ina Praetorius Mitinitiantin Grundeinkommen Feministische Autorin

Das Neuste

Monatsversammlung vom 7. Mai 2018 - 1968: Wie war das damals, und was hats gebracht?

Auf GP-eigene Art und Weise hat die Monatsveranstaltung vom 7.Mai dem Schlüsseljahr 1968 vielerlei Gedanken gewidmet.

Natürlich waren die Grauen Panther dieser Tage nicht gerade die einzigen, die dem Jahr 1968 gedachten: Eine wahre Flut von Medienbeiträgen hat sich in den vergangenen Wochen und Tagen über uns ergossen. Aber, so bemerkte Moderatorin Lise Nussbaumer , haben wir uns ja eine auf die GP zugeschnittene Veranstaltung ausgedacht. Und eine stattliche Anzahl von Mitgliedern scheint das goutiert zu haben.

Wie es war


Einleitend gab Historikerin Regina Wecker (sie lebte bis 1969 in Berlin, danach in der Schweiz und ist so von beiden „Welten“ geprägt) einen stichwortartigen Überblick über die damaligen Ereignisse.  Viel Vertrautes wurde da evoziert. Man sprach damals gern von einem magischen, historischen Moment. Verschiedene Bewegungen kamen in jener Zeit zusammen: Vietnamprotest, Missbehagen über die Verkrustung der Gesellschaft, eine dezidiert antikapitalistische internationalistische Bewegung, unterfüttert mit marxistischem Gedankengut. Das Medieninteresse an all den Vorgängen war riesig, es existieren massenhaft Bilder aus jenen Tagen.

Die Unterschiede in den einzelnen Ländern waren aber beträchtlich, wie Regina Wecker in Erinnerung rief:

  • Schon vor 68 tat sich in den USA, vorab an den Universitäten, viel. 1965 kam es zum ersten Marsch auf Washington gegen den Vietnamkrieg. Wichtig waren natürlich auch Martin Luther Kings Bürgerrechtsbewegung, Malcolm X und die Black Panthers
  • In Deutschland bildete die Abrechnung mit der Nazi-Vergangenheit einen wichtigen Verstärker. Die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg  bei der Anti-Schah-Manifestation wirkte stark erschütternd, noch mehr die Schüsse auf Rudi Dutschke. Damit verbunden war der Kampf gegen die Springer-Presse („Bild“).
  • In Frankreich war die Arbeiterbewegung ein wichtiger Faktor: Es kam zur Verbindung von Studenten und Arbeitern. Es gärte an den Universitäten, man kämpfte für Uni-Reformen und gegen die konservative Regierung Pompidou. Im Zentrum stand der legendäre Daniel Cohn-Bendit, berühmt sind die Demonstrationen vor der Renault-Fabrik ebenso wie an der Uni Nanterres.
  • In der Tschechoslowakei unterdrückten die sowjetischen Panzer 1968 den Prager Frühling, den Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu schaffen.
  • In Mexico wurde 1968 eine grosse Demonstration gewaltsam niedergeschlagen mit Hunderten von Toten -- damit die Olympiade stattfinden konnte.
  • In der Schweiz ging es in erster Linie um Freiräume für die Jugend und den Kampf die gegen Verkrustung vieler Strukturen. Die grosse Eskalation bildete der Zürcher Globus-Krawall, Demonstrationen gab es aber in vielen anderen Städten. In Basel kam es 1969 zur legendären Tramdemonstration gegen die Erhöhung der Trampreise. Danach entstand in Basel die POB. Weitere kontroverse Themen waren Mieterschutz, Lehrlingswesen, Psychiatrie.   

68er Machos

Die Frauenbewegung hatten ihre Wurzeln vor dem Jahr1968, das aber seinerseits viel auslöste. Die Forderungen waren vielfältig: Gleicher Lohn, freie Pille, kein Konkubinatsverbot, und vieles mehr.  Aber, betonte Regina Wecker,  innerhalb der Bewegung mussten die Frauen gegen Macho-Gehabe ankämpfen. Bis die Presse darüber zu berichten begann und die Frauen eigene unabhängige Strukturen aufbauten.  Man hatte Angst vor diesen Frauen und ihren oft provokativen Aktionen. Das Besondere an der Schweizer Situation bestand natürlich darin, dass dies alles vorerst ohne Frauenstimmrecht geschah! Das Stimmrecht setzte sich bekanntlich erst 1971 durch.

Was hats gebracht?

Nach diesem Einstieg diskutierten die Anwesenden in Gruppen etwa eine halbe Stunde angeregt über ihre eigenen Erlebnisse und Reflexionen. Danach hatte Regina Wecker den Auftrag, eine Bilanz zu ziehen über das, was 1968 bleibend bewirkt hat. Sie tat das mit einem „persönlich gefärbten Versuch“

An erster Stelle zu nennen ist  sicher die „Entkrustung“ der Gesellschaft. Unsere heutige Gesellschaft ist nicht mehr dieselbe wie damals: Heute können wir unsere Persönlichkeit ausbilden, uns bewegen und kleiden wie wir wollen, die Sexualität ist entkrampft. Die „Entkrustung“ hat auch in den Schulen oder der Kinderbetreuung Spuren hinterlassen. Viele Menschen hat 1968 persönlich stark bewegt. Die Erfahrung, dass man etwas bewegen kann, war enorm wichtig. Soweit besteht wohl Konsens. Politisch hingegen ist Regine Wecker heute weniger euphorisch. Vor allem jetzt gerade habe sie wieder das Gefühl, die Entwicklung bewege sich in eine sehr problematische Richtung, vor allem mit der Erstarkung der rechten Bewegungen: „Ein Déjà-vu-Gefühl“. Die Desavouierung von Politikern und Politik heute habe allerdings schon 1968 angefangen, wohl auch durch die antiautoritäre Haltung. „Vor allem heute ist niemand in Sicht, der sich wie anno 1968 dagegen zur Wehr setzt.“ Heute hat das Individuum alle Möglichkeiten, jeder kann alles machen, das reduziere den Druck, etwas gemeinsam zu machen.
 
Die verhaltene Kritik an 1968 löste auch einige Gegenbemerkungen unter den Anwesenden aus: Damals forderte man Transparenz und Demaskierung von gewissen Politikern;  der Ton sei zwar scharf gewesen, aber legitim. Vieles wurde angesprochen, etwa,  dass die heutigen Studis „furchtbar brav“ seien. Ein anderer Votant wies u.a. auf 1989 und den Wegfall des Sowjetkommunismus hin: Es gebe heute kaum mehr Alternativen,  und der Kapitalismus schlage wieder brutal zu. Vielleicht, wurde weiter erwogen, erzeuge die Tatsache, dass heutzutage alle alles machen können, auch mal einen Überdruss: „Wir sind wach heute, nicht wie vor 1969, wir merken und spüren, dass es so nicht weitergehen kann“.
So klang der Nachmittag in etwas nachdenklichem Ton aus, was die Moderatorin u.a. mit dem Hinweis konterte, dass es auch die Grauen Panther ohne 1968 wahrscheinlich nicht gäbe!  Da könnte man anfügen: Na also, nur schon deshalb hat sich 1968 gelohnt....
Martin Matter